Freitag, 21. Dezember 2012

Warum?

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Barbara Steffens ist Ministerin für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter des Landes NRW. Ende November wurde das von ihr entworfene Nichtraucherschutzgesetz im Landtag beschlossen. Ab Mai 2013 darf man in keiner Kneipe mehr rauchen. Eigentlich müsste ich das super finden, da ich ja seit anderthalb Jahren nicht mehr rauche, und wir Konvertiten sind ja immer die schlimmsten. Die schlimmsten Kritiker von Rauch, rauchten früher nämlich auch. Apropos: Ich kenne die Barbara ja von früher, wir haben uns in den Achtzigern öfter in einer Kneipe in der Kölner Südstadt getroffen. Und was haben wir geraucht damals! Eine nach der anderen. Die Babse und ich. Man nannte uns Van-Nelle-Christian und Javanse-Babse. So viel haben wir geraucht! Echt. Ja, das waren noch Zeiten. Barbara hat mir jungem Hausbesetzer damals erklärt, warum die Autonomen spinnen und ich habe ihr erklärt, warum die Grünen Spießer sind.

Heute schützt sie mich also davor, dass Menschen die nicht mit so einer unglaublich ausgeprägten Willensstärke gesegnet sind wie ich, oder Leute, die einfach nicht aufhören wollen zu rauchen, in Raucherkneipen weiter rauchen dürfen. Und freue ich mich? Nein. Ich frage ich mich: Warum? Ist doch logisch: Weil die Grünen halt die Unterschicht hassen. Schauen Sie: Das Dosenpfand damals, das war auch schon Klassenkampf von oben. Während auf Bierdosen Pfand erhoben wird, sind Weinflaschen nämlich bis heute pfandfrei. Weil die grünwählenden Damen und Herren Elitepartner halt gern mal einen guten Bordeaux trinken, mit so einer leichten Note von Cherrytomate im Abgang.
Ein anderer Beweis: Die Grünen fordern einen Mindestlohn von 7,50 Euro. Das ergibt bei 160 Stunden im Monat 906,51 Euro netto für einen alleinstehenden Mann um die 50. Die offizielle Armutsgrenze liegt übrigens bei 930 Euro. Wenn das kein Hass ist!
Und dann dachte ich an diese Kneipen, in denen es immer ein bisschen nach Klostein riecht und in denen die weibliche Bedienung Haare aus blondiertem Draht trägt. Und all die geschiedenen Männer, die an der Theke sitzen und palavern und Würfeln und rauchen und trinken. Diese Männer haben sich noch nie gegenseitig zu Hause besucht, sie gehen nicht gemeinsam ins Kino, sie mögen sich nicht mal besonders. Aber sie sind füreinander der einzige verbliebene soziale Kontakt. Wo sollen die hin, wenn sie in der Kneipe nicht mehr rauchen dürfen? Wahrscheinlich werden sie zu Hause sitzen und einsam sein. Und rauchen. Das ist den Grünen aber egal, denn die Grünen hassen ja die Unterschicht. Und wer raucht, das meinen die Grünen, der kann nur zur Unterschicht gehören. Dann aber fiel mir auf: Eigentlich bin ich selber ein Spießer und reingefallen auf die Propaganda der Mittelschichts-Presse und der Scripted Reality, weil ich ja selbst schon gedacht habe, rauchen täte nur mehr die Unterschicht in der Klostein-Eckkneipe - und ich mich gleichzeitig zu ihrem gönnerhaften Fürsprecher mache.
Nein, geraucht wird quer durch alle Bevölkerungsschichten. Die Diskussion ist arg verhärtet, von beiden Seiten, Raucher und Nichtraucher stehen sich unversöhnlich gegenüber und beschimpfen sich gegenseitig als Nazis.Vielleicht muss eine Gesundheitsministerin halt beruflich in einer solchen Diskussion eine klare Position einnehmen. Oder, und das halte ich eigentlich für das wahrscheinlichste: Ihr fehlen einfach die anregenden Diskussionen mit mir. Ich hätte ihr gesagt: "Weißte, Babse, meinetwegen können die armen Nikotinabhängigen in ihren Raucherkneipen rauchen, bis die Berliner Weiße sich gelb einfärbt. Vorschlag zur Güte: Die Raucher tun nicht so, als hätte Rauchen irgendwas mit Kultur zu tun oder mit Lebensart. Die Nichtraucher tun nicht so, als müssten sie sofort sterben, weil es auf der Welt noch Raucherkneipen gibt. Darauf eine Friedenspfeife. So eine mit Seifenblasen drin. Und übrigens, wir hatten damals beide recht: Die Autonomen spinnen und die Grünen sind Spießer."