Samstag, 27. Oktober 2012

De-Qualifiziert

Hier hören oder hier lesen:
Gestern geisterte die Meldung durchs Netz und ich war spontan empört. Im aktuellen Programm der Kreisvolkshochschule des Landkreises Osterode am Harz findet sich zwischen den Kursen "Elektronische Steuererklärung mit Elster" und "Bewerbungscoaching" für Hartz-Vier-Empfänger der Intensivkurs „De-Qualifizierung für Akademiker". Das Angebot, ich zitiere:

"Ein akademischer Abschluss oder gar eine Promotion kann beim Zugang zu bestimmten Berufen, beispielsweise als Bauhelfer, eine große Einstellungshürde sein. In diesem Kurs versuchen wir durch Erlernen eines zielgruppenspezifischen Vokabulars, angepasste Kleidung und gezielte Verhaltensänderungen auch aus promovierten Geisteswissenschaftlern wieder echte Männer
zu machen. Ein entsprechender Kurs für Frauen ist in Vorbereitung - nähere Infos sind
in der KVHS-Geschäftsstelle erhältlich."

Nun, das Problem, arbeitslos und überqualifiziert, kenne ich aus dem Bekanntenkreis. (Ich selber war zwar schon mal arbeitslos, aber nicht überqualifiziert.) Tatsächlich hatte der Fallmanager einem befreundeten Geisteswissenschaftler mal geraten, bei Bewerbungen um nicht ganz so anspruchsvolle Jobs das Studium im Lebenslauf einfach wegzulassen. Vielleicht, so dachte ich gestern, kann man in Osterode am Harz neben festem Händedruck, unanständigen Wörtern und lässigem am Sack kratzen auch lernen, wie man eine Lücke von sechs Jahren im Lebenslauf möglichst männlich stopft: "1992-1998: Fremdenlegion" zum Beispiel oder "bin ich selbständiger Trapper in Kanada gewesen", oder, auch sehr männlich: "Filmriss".

Dass die Jobcenter immer wieder Geld für überflüssige Kurse rauswerfen ist sowieso allgemein bekannt: Germanistinnen lernen, wie man eine orthografisch einwandfreie Bewerbung schreibt, arbeitslose Zimmermänner machen den "Internetführerschein" und sind danach arbeitslose Zimmermänner mit Internetführerschein, ich meine, gegen einen Internetführerschein ist der Yps-Detektivausweis ein wertvolles Dokument. Andere lernen, wir sie ihr Bewerberprofil in Portale eingeben, die noch nie ein Arbeitgeber besucht hat, und manch Langzeitarbeitsloser macht seinen achten Office-Kurs.

Auch in das Portfolio der Kreisvolkshochschule Osterode fügt sich das Dequalifizierungs-Angebot hervorragend ein. Neben Kursen die "Betriebliches Mood-Management" zu Deutsch: Launen-Management, heißen und "Strategien für gute Laune" lehren und dem "Hundemassage Kompaktkurs" wirkt ein De-Qualifizierungs-Kurs doch fast vernünftig. Dies alles will ich zu meiner Verteidigung anführen, zur Erklärung warum mich weder die angegebene Zahl der Unterrichtsstunden, 320 nämlich, stutzig gemacht hat, noch das Datum des Kursbeginns: 1. April 2013. Da ich nicht der einzige war, der darauf reingefallen war, und auch nicht der einzige, der sich aufgeregt hatte, sah die Volkshochschule sich heute gezwungen, die Sache aufzulösen: "Kurse zum 01. April, die zum Schmunzeln oder Nachdenken anregen sollen, haben eine lange Tradition in der Volkshochschullandschaft und finden sich in so manchem Programm." Sorry, ich kannte mich nicht so aus in der Volkshochschullandschaft. Aber sie haben mich zum Nachdenken angeregt, die Leute aus Osterode am Harz 1.

Donnerstag, 11. Oktober 2012

Der topaktuelle Text vom 10.10.2012

Nein, ich habe "Wetten dass..." nicht gesehen, ich habe also auch keine Meinung dazu, ob Markus Lanz das gut moderiert hat oder nicht und ob seine Witze schlechter waren, als die von Gottschalk oder von dem anderen Gottschalk mit der Frisur da. Ich gucke "Wetten dass..." nämlich schon sehr lange nicht mehr. Als ich "Wetten daß..." geguckt habe, wurde das noch mit scharfem S geschrieben und es trat jedes mal Phil Collins zwischen dekorativ brennenden Ölfässern auf oder auch Jenniffer Rush mit ihrem reizenden Überbiss. Oder Peter Maffay. In Einspielfilmen sah man, wie die Prominenten von der vorhergehenden Sendung ihren Wetteinsatz einlösten: Mal leerten sie eine Mülltonne in einem SOS-Kinderdorf, mal schälten sie eine Kartoffel in einem Altenheim oder pflanzten einen Baum im Zonenrandgebiet. Also immer was Caritatives unter Anteilnahme der Lokalpresse. Und es gab die Saalwette gegen Frank Elstner, sowas wie "Wetten, dass sie es nicht schaffen fünf langhaarige Religionslehrer auf die Bühne zu holen, die auf einem Bein stehend Guantanamera singen" oder so ähnlich. Gerne erinnere ich mich an Elstners Flehen in die Kamera: "Liebe Stuttgarter, wenn Sie ein langhaariger Religionslehrer sind und auf einem Bein stehend Guantanamera singen können kommen Sie zu uns in die Hans-Martin-Schleyer-Halle..." Ja, das waren noch Zeiten. da war die Welt noch in Ordnung, da spielte der Major noch bei BAP und Tabaluga war nur ein Wort.
Markus Lanz ist glaube ich so ein Typ der gerne mal sagt: "Hey, alles richtig gemacht". Dies nur wegen der Überleitung. Ich wollte das auch mal sagen können: "Hey, alles richtig gemacht", also hörte ich, der ich eigentlich in Fragen aus der Rubrik Karriere und Finanzen als eher Beratungsresistent gelte, mal auf den schicken Mann im Fernsehen, also nicht Lanz, sondern einen, der als Finanzexperte vorgestellt wurde. So rollte ich also gestern gegen 22 Uhr 30 versonnen einen 10-Euro-Schein zwischen den Fingern, denn der Typ hatte gesagt "Da muss man am Ende des Tages auch mal Geld in die Hand nehmen." Es nütze aber nix, vielleicht war es einfach zu wenig Geld, aber ich hatte nicht mehr. Gestern wurde ja mal wieder die Liste der reichsten Deutschen veröffenlicht. Das Vermögen der 500 reichsten Deutschen ist größer als das Bruttoinlandsprodukt der Schweiz. Die Schweiz liegt übrigens auf Platz 19 von 183 Ländern. Mein Lieblingssatz aus dem entsprechenden Express-Artikel aber lautete:"Verlierer des Jahres ist der Schlecker-Clan, dessen Vermögen durch die Firmenpleite von 1,9 Milliarden Euro auf 40 Millionen Euro zusammenschmolz." Voll die Loser. Nur noch 40 Millionen. Voll Unterschicht die Asis. Das ist ja gerade mal das Bruttoinlandsprodukt von Ghana. Ich persönlich müsste nur etwas über 2770 Jahre arbeiten und nichts ausgeben, um soviel zu verdienen.
Naja, wenn ich vierzig Millionen Euro hätte, würde ich den Kapitalismus vielleicht auch für das überlegene System halten, aber ich bin mehr so das Ghana unter den Autoren. Und wo wir gerade beim Thema sind, "Tag der Deutschen Einheit" war ja auch noch neulich, da wurde gefeiert, dass die ganzen Arbeiter und Bauern ihr Begrüßungsgeld seinerzeit direkt zu Beate Uhse getragen haben und so einiges zum Bruttoinlandsprodukt beigetragen haben. Danach fuhren sie wieder nach Hause ("ich moch mol de spanische Flieche") und gründeten NPD-Ortsverbände. Also nicht alle, aber einige. Die anderen gründeten Swingerclubs. Oder Bands wie "Haudegen". Heute arbeiten viele bei RTL 2 als Realität oder im Callcenter. Wenn die mich anrufen lege ich aber immer auf. Ich sage ja immer, lieber gut aufgelegt als schlecht gelaunt.