Hier hören oder hier lesen:
Gestern geisterte die
Meldung durchs Netz und ich war spontan empört. Im aktuellen
Programm der Kreisvolkshochschule des Landkreises Osterode am Harz
findet sich zwischen den Kursen "Elektronische Steuererklärung
mit Elster" und "Bewerbungscoaching" für
Hartz-Vier-Empfänger der Intensivkurs „De-Qualifizierung
für Akademiker". Das
Angebot, ich zitiere:
"Ein
akademischer Abschluss oder gar eine Promotion kann beim
Zugang zu bestimmten Berufen,
beispielsweise als Bauhelfer, eine große
Einstellungshürde sein. In diesem Kurs versuchen wir durch
Erlernen eines zielgruppenspezifischen
Vokabulars, angepasste Kleidung
und gezielte Verhaltensänderungen
auch aus promovierten Geisteswissenschaftlern
wieder echte Männer
zu machen. Ein
entsprechender Kurs für Frauen ist in
Vorbereitung - nähere Infos sind
in der
KVHS-Geschäftsstelle erhältlich."
Nun, das Problem,
arbeitslos und überqualifiziert, kenne ich aus dem Bekanntenkreis.
(Ich selber war zwar schon mal arbeitslos, aber nicht
überqualifiziert.) Tatsächlich hatte der Fallmanager einem
befreundeten Geisteswissenschaftler mal geraten, bei Bewerbungen um
nicht ganz so anspruchsvolle Jobs das Studium im Lebenslauf einfach
wegzulassen. Vielleicht, so dachte ich gestern, kann man in Osterode
am Harz neben festem Händedruck, unanständigen Wörtern und
lässigem am Sack kratzen auch lernen, wie man eine Lücke von sechs
Jahren im Lebenslauf möglichst männlich stopft: "1992-1998:
Fremdenlegion" zum Beispiel oder "bin ich selbständiger
Trapper in Kanada gewesen", oder, auch sehr männlich:
"Filmriss".
Dass die Jobcenter
immer wieder Geld für überflüssige Kurse rauswerfen ist sowieso
allgemein bekannt: Germanistinnen lernen, wie man eine orthografisch
einwandfreie Bewerbung schreibt, arbeitslose Zimmermänner machen den
"Internetführerschein" und sind danach arbeitslose
Zimmermänner mit Internetführerschein, ich meine, gegen einen
Internetführerschein ist der Yps-Detektivausweis ein wertvolles
Dokument. Andere lernen, wir sie ihr Bewerberprofil in Portale
eingeben, die noch nie ein Arbeitgeber besucht hat, und manch
Langzeitarbeitsloser macht seinen achten Office-Kurs.
Auch in das Portfolio
der Kreisvolkshochschule Osterode fügt sich das
Dequalifizierungs-Angebot hervorragend ein. Neben Kursen die
"Betriebliches Mood-Management" zu Deutsch:
Launen-Management, heißen und "Strategien für gute Laune"
lehren und dem "Hundemassage Kompaktkurs" wirkt ein
De-Qualifizierungs-Kurs doch fast vernünftig. Dies alles will ich zu
meiner Verteidigung anführen, zur Erklärung warum mich weder die
angegebene Zahl der Unterrichtsstunden, 320 nämlich, stutzig gemacht
hat, noch das Datum des Kursbeginns: 1. April 2013. Da ich nicht der
einzige war, der darauf reingefallen war, und auch nicht der einzige,
der sich aufgeregt hatte, sah die Volkshochschule sich heute
gezwungen, die Sache aufzulösen: "Kurse zum 01. April, die zum
Schmunzeln oder Nachdenken anregen sollen, haben eine lange Tradition
in der Volkshochschullandschaft und finden sich in so manchem
Programm." Sorry, ich kannte mich nicht so aus in der
Volkshochschullandschaft. Aber sie haben mich zum Nachdenken
angeregt, die Leute aus Osterode am Harz 1.
Samstag, 27. Oktober 2012
Donnerstag, 11. Oktober 2012
Der topaktuelle Text vom 10.10.2012
Nein,
ich habe "Wetten dass..." nicht gesehen, ich habe also auch
keine Meinung dazu, ob Markus Lanz das gut moderiert hat oder nicht
und ob seine Witze schlechter waren, als die von Gottschalk oder von
dem anderen Gottschalk mit der Frisur da. Ich gucke "Wetten
dass..." nämlich schon sehr lange nicht mehr. Als ich "Wetten
daß..." geguckt habe, wurde das noch mit scharfem S geschrieben
und es trat jedes mal Phil Collins zwischen dekorativ brennenden
Ölfässern auf oder auch Jenniffer Rush mit ihrem reizenden
Überbiss. Oder Peter Maffay. In Einspielfilmen sah man, wie die
Prominenten von der vorhergehenden Sendung ihren Wetteinsatz
einlösten: Mal leerten sie eine Mülltonne in einem SOS-Kinderdorf,
mal schälten sie eine Kartoffel in einem Altenheim oder pflanzten
einen Baum im Zonenrandgebiet. Also immer was Caritatives unter
Anteilnahme der Lokalpresse. Und es gab die Saalwette gegen Frank
Elstner, sowas wie "Wetten, dass sie es nicht schaffen fünf
langhaarige Religionslehrer auf die Bühne zu holen, die auf einem
Bein stehend Guantanamera singen" oder so ähnlich. Gerne
erinnere ich mich an Elstners Flehen in die Kamera: "Liebe
Stuttgarter, wenn Sie ein langhaariger Religionslehrer sind und auf
einem Bein stehend Guantanamera singen können kommen Sie zu uns in
die Hans-Martin-Schleyer-Halle..." Ja, das waren noch Zeiten. da
war die Welt noch in Ordnung, da spielte der Major noch bei BAP und
Tabaluga war nur ein Wort.
Markus
Lanz ist glaube ich so ein Typ der
gerne mal sagt: "Hey, alles richtig gemacht". Dies nur
wegen der Überleitung. Ich wollte das auch mal sagen können: "Hey,
alles richtig gemacht", also hörte ich, der ich eigentlich in
Fragen aus der Rubrik Karriere und Finanzen als eher
Beratungsresistent gelte, mal auf den schicken Mann im Fernsehen,
also nicht Lanz, sondern einen, der als Finanzexperte vorgestellt
wurde. So rollte ich also gestern gegen 22 Uhr 30 versonnen einen
10-Euro-Schein zwischen den Fingern, denn der Typ hatte gesagt "Da
muss man am Ende des Tages auch mal Geld in die Hand nehmen." Es
nütze aber nix, vielleicht war es einfach zu wenig Geld, aber ich
hatte nicht mehr. Gestern wurde ja mal wieder die Liste der reichsten
Deutschen veröffenlicht. Das Vermögen der 500 reichsten Deutschen ist
größer als das Bruttoinlandsprodukt der Schweiz. Die Schweiz liegt
übrigens auf Platz 19 von 183 Ländern. Mein
Lieblingssatz aus dem entsprechenden Express-Artikel aber
lautete:"Verlierer des Jahres ist der Schlecker-Clan, dessen
Vermögen durch die Firmenpleite von 1,9 Milliarden Euro auf 40
Millionen Euro zusammenschmolz." Voll die Loser. Nur noch 40
Millionen. Voll Unterschicht die Asis. Das ist ja gerade mal das
Bruttoinlandsprodukt von Ghana. Ich persönlich müsste nur etwas
über 2770 Jahre arbeiten und nichts ausgeben, um soviel zu
verdienen.
Naja, wenn ich vierzig Millionen Euro hätte, würde ich
den Kapitalismus vielleicht auch für das überlegene System halten,
aber ich bin mehr so das Ghana unter den Autoren. Und wo wir gerade
beim Thema sind, "Tag der Deutschen Einheit" war ja auch
noch neulich, da wurde gefeiert, dass die ganzen Arbeiter und Bauern
ihr Begrüßungsgeld seinerzeit direkt zu Beate Uhse getragen haben
und so einiges zum Bruttoinlandsprodukt beigetragen haben. Danach
fuhren sie wieder nach Hause ("ich moch mol de spanische
Flieche") und gründeten NPD-Ortsverbände. Also nicht alle,
aber einige. Die anderen gründeten Swingerclubs. Oder Bands wie "Haudegen". Heute arbeiten
viele bei RTL 2 als Realität oder im Callcenter. Wenn die mich
anrufen lege ich aber immer auf. Ich sage ja immer, lieber gut
aufgelegt als schlecht gelaunt.
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