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So,
wie Sie wahrscheinlich mitbekommen haben sind wir
weiter und wir
spielen morgen gegen die
Griechen. Selbst
wenn Sie sich nicht so für Fußball interessieren, werden sie das
mitbekommen haben, denn es ist unmöglich es nicht mitzubekommen.
Fußball bestimmt die Schlagzeilen und die Fernsehprogramme, im
Supermarkt bekomme ich Sammelbildchen vom mir unbekannten jungen
Männern in kurzen Hosen geschenkt, die Comedians machen laue
Witzchen über Holländer und Wohnwagen, über Griechen und Geld und
Frauen und die Abseitsregel. Menschen malen sich die Nationalfarben
auf die Wangen, und niemand sagt ihnen, dass das überhaupt nicht gut
aussieht. Besoffen herum zu grölen wird mit Lebensfreude
verwechselt, lustige Hüte zu tragen mit Humor, und solange beim
Jubeln niemand – wie unlängst beim Public Viewing in Köln (heißt laut leo.org übrigens auf deutsch Ausstellung eines aufgebahrten Leichnams) – den
Hitlergruß zeigt, nennt man das ganze "entspannten
Patriotismus". Naja, wer's braucht.
Nun weiß ich, dass viele, die dieser Tage vor den Bildschirmen sitzen, dem Sport in der Do-It-Yourself-Variante auch noch nie viel abgewinnen konnten. Sie gucken gerne anderen dabei zu. Sehen wir es mal nüchtern: Zwei Mannschaften mit besonders begabten Fußballern spielen gegeneinander und eine gewinnt. Dies hat keine besonderen Folgen. Weder für den Euro noch für den Weltfrieden. Beim Fantum geht es nur darum unbedingt etwas fühlen zu wollen ohne dafür ein echtes Risiko eingehen zu müssen. Die durch die Regeln des Spiels entstehende Dramaturgie erlaubt dem Fan ja eine ganze Palette an Gefühlen zu durchleben: Hoffnung, Erregung, Freude, Enttäuschung und so weiter. Er muss nichts weiter dafür tun, außer einer Mannschaft den Sieg zu wünschen und der anderen nicht. Ich nenne das "Schnorren von Emotionen". Gemeinschaftsgefühle mit Fremden, Spannung ohne Konsequenzen, Trauer ohne Anlass, Jubel ohne Leistung. Hauptsache dabei gewesen. Immer schön alles mitmachen. Sommermärchen ick hör' dir trapsen.
Und
natürlich geht es bei Länderspielen darum ungeniert Patriotismus
ausleben zu können. Der war in Deutschland eine Zeitlang etwas
verpönt, weil wir es irgendwie mal übertrieben haben, aber seit wir
uns die DDR dazugekauft haben, dürfen wir wieder. Und seit der WM
2006 erst recht, weil wir Deutschen alle so lieb waren und während
der WM quasi keine Ausländer verhauen haben. Und da Patriotismus
ohne Hirn schon immer besser funktioniert hat, hilft Alkohol hier
natürlich enorm. Und Menschen, die noch nie im Leben einen eigenen
Gedanken gedacht haben, und die gibt es bekanntermaßen in allen
Bevölkerungsschichten, können voller Stolz die Fahne schwenken und
meinen sie wären besser als ein Holländer oder ein Grieche. Und
Schland, Schland in die allgegenwärtigen Kameras lallen oder
"Gänsehautfeeling" oder "Emotionen pur"!
Es
gibt kein entrinnen. Fernseher in jeder Kneipe, Public Viewing,
Auto-Korsos, Hupkonzerte. Deshalb gäbe es nur eines das hülfe: Ein
frühes Ausscheiden der DFB-Auswahl aus dem Turnier. Dann wär' Ruhe.
Und traurige Leute mit lustigen Hüten: Das ist wahre Poesie!