Meistens
bin ich ja bei Poetry-Slams der älteste. Und wenn ich dann so
Anekdoten aus den achtziger Jahren erzähle, über die Honda CB
fünfzig, ein Mokick mit Viertaktmotor war das damals, oder diesen
bescheuerten Kuchen namens Hermann, der quasi der freakige Vorläufer
der Kettenmail war, und den man von so total sanften Typen mit
gebatikten Windeln als Halstuch zum Geburtstag bekam, dann schaltet
das junge Publikum gerne mal ab. Das interessiert die einfach nicht.
Und ich fliege dann in der Vorrunde raus. Ich nehme das natürlich
ganz locker, rufe meine Frau an und sage „Das verfickte
Studentenpack hat mich in der Vorrunde rausgewählt, diese ignoranten
Pisaopfer-Koma-Säufer-Betrunkenen-Dekorierer-Penner haben doch keine
Ahnung von Kunst.“
Dann
habe ich aber mal nachgedacht, vor allem aber nachgerechnet. Für die
meisten von Euch/denen sind ja die achtziger Jahre das, was für mich
die 60er Jahre sind: So die letzten Ausläufer der Nachkriegszeit.
Mich interessiert ja auch nicht, wer damals die Stones oder die
Beatles besser fand, was interessiert Euch/die Geha oder Pelikan. Ich
meine, das war ja vor der Währung noch. Damals passten alle Neonazis
noch in die winzig kleine Wikingjugend oder tobten mit der
Wehrsportgruppe Hoffmann durch den Wald. Gut: Da stand ja auch der
antifaschistische Schutzwall noch.
Wenn
damals ein Drucker streikte, wurde er vom Arbeitgeberverband
ausgesperrt.
Als
Rohling bezeichnete man Typen wie Kai Schneider aus meiner Klasse,
der immer Kopfnüsse verteilte.
Ein
Menü begann für gewöhnlich mit einem Krabbencocktail.
Bio
war ein Schulfach.
Und
Singles mit Niveau waren meistens von Reinhard Mey.
Die
gute Nachricht für Euch junge Leute ist: Älter wird man ganz von
allein, wenn es einem nur gelingt nicht zwischendurch zu sterben.
Egal
ob man arbeitet oder Hartz-Vier bekommt, oder beides, egal ob man
sich an ein paar Jahre nicht erinnern kann, weil man mit
Eimer-Rauchen beschäftigt war, ob man meistens einsam Pläne
schmiedend auf dem Sofa lag oder mit bereits 24 den Rekord im
Pfahlsitzen gebrochen hat. Egal ob man eine Karriereleiter
hochgestiegen ist oder auf der Suche nach der Abkürzung zum Ruhm die
Leiter irgendwie nicht gefunden hat. Egal ob man den Ulysses gelesen
hat oder nur „100 tolle Ideen mit Hackfleisch“. Egal ob man
ausgewandert oder eingesessen ist, ob man den Tag nutzt oder nur die
Brückentage ausnutzt. Irgendwann guckt man auf den Kalender, rechnet
kurz nach und sagt: Uff, echt jetzt?
Und
dann blickt man zurück. Die schlechte Nachricht ist übrigens, dass
man sich an die peinlichen Situationen immer am besten erinnern kann.
An schlechten Tagen werde ich rot, für Sachen, die habe ich 1989
gesagt.
Was
sind das nur für Leute die sagen, sie würden alles nochmal genauso
machen? Das würde ich auf gar keinen Fall. Ich hätte da diverse
Verbesserungsvorschläge an mich selbst. An mich mit 15 zum Beispiel:
”Schreib Anja Schumacher aus dem Sportverein nicht diesen blöden
ehrlichen Brief. Es ist egal, dass sie die Band die Teens gut findet.
Sie ist sehr hübsch und sie ist nett und vielleicht küsst sie Dich.
Da kannste sonst ewig drauf warten. Verabrede dich mit ihr. Du
arrogantes Arschloch!” Auch für meine späteren Jahre könnte ich
mir mittlerweile viele gute Tipps geben: “Lass das mit den
Drehbüchern, das führt zu nichts. Such’ Dir lieber einen
vernünftigen Halbtags-Job.” Zum Beispiel. Oder, oh mein Gott,
1982: „Vergiss Heinz-Rudolf-Kunze. Er ist ein Blender!“ Oder auch
Silvester 1992: „Trink ihn nicht, diesen Tequila Sunrise!!!“ Das
wäre echt eine gute Entscheidung gewesen.
Mein
Tipp also an Euch: trefft einfach immer die richtige Entscheidung.
Und
sagt
niemals in Eurem Leben Sätze wie den, den ich neulich in der
TV-Spielfilm gelesen habe, er stammt von der PR-Agentur-Megacult:
“Wer glaubt, dass Mentos mit dem Vorgängerspot ‘Poolparty’ das
Spaß- und Partyverständnis der Lifestyle Generation neu definiert
hat, wird nach ‘High Rider’ zugeben müssen, dass Funkyness im
Kaugummisegment wohl nie cooler inszeniert wurde”
Egal
wie viel Geld, egal wie viel Koks sie Euch geben, sagt niemals
“Funkyness im Kaugummisegment”. Das würde die Welt echt
erträglicher machen. Und Ihr müsst Euch später nicht schämen.
Eins
noch: Meldet Euch ab bei Xing. Das bringt doch nichts. Wenn ich mir
die Profilfotos so anschaue, sehen einige dieser Business-Profis so
aus, als ob sie ihre Liebste gerne mal mit einer romantischen
Powerpointpräsentation überraschen: „Schatz, ich liebe Deine
Alleinstellungsmerkmale!“ Als Xing-Mitglied wird man zu tollen
Veranstaltungen eingeladen, wo man lernt, dass “Erfolg im Kopf
beginnt“, der nämlich rund ist, damit man rechtzeitig seine
Meinung ändern kann. Nur so erreicht man nämlich seine Ziele mit
den zehn einfachen Schritten zu Potentialentfaltung und Motivation!
Und Samstags geht’s zum „Kompetenz-Brunch“. Kompetenz-Brunch!
Kein Witz, das gibt es wirklich. Wer Kompetenz-Brunch sagen kann,
ohne zu lachen oder zu hassen, von dem ist kein vernünftiger Gedanke
mehr zu erwarten. Nie wieder. Ich sage nur „Funkyness im
Kaugummisegment.“ Die Steigerung, die vollkommene Auflösung des
Selbst im kapitalistischen System schafft allerdings Kai Pflaume, der
einmal von sich sagte: „Die Marke Kai Pflaume ist breit
aufgestellt“. Neulich, als ich breit war, sagte meine Frau übrigens
zu mir, ich Pflaume sei schon eine ziemliche Marke. Was der kann,
kann ich schon lange.