Dienstag, 13. März 2012

Ich freue mich auf die Extrafahrt: Kommt alle!


Meistens bin ich ja bei Poetry-Slams der älteste. Und wenn ich dann so Anekdoten aus den achtziger Jahren erzähle, über die Honda CB fünfzig, ein Mokick mit Viertaktmotor war das damals, oder diesen bescheuerten Kuchen namens Hermann, der quasi der freakige Vorläufer der Kettenmail war, und den man von so total sanften Typen mit gebatikten Windeln als Halstuch zum Geburtstag bekam, dann schaltet das junge Publikum gerne mal ab. Das interessiert die einfach nicht. Und ich fliege dann in der Vorrunde raus. Ich nehme das natürlich ganz locker, rufe meine Frau an und sage „Das verfickte Studentenpack hat mich in der Vorrunde rausgewählt, diese ignoranten Pisaopfer-Koma-Säufer-Betrunkenen-Dekorierer-Penner haben doch keine Ahnung von Kunst.“

Dann habe ich aber mal nachgedacht, vor allem aber nachgerechnet. Für die meisten von Euch/denen sind ja die achtziger Jahre das, was für mich die 60er Jahre sind: So die letzten Ausläufer der Nachkriegszeit. Mich interessiert ja auch nicht, wer damals die Stones oder die Beatles besser fand, was interessiert Euch/die Geha oder Pelikan. Ich meine, das war ja vor der Währung noch. Damals passten alle Neonazis noch in die winzig kleine Wikingjugend oder tobten mit der Wehrsportgruppe Hoffmann durch den Wald. Gut: Da stand ja auch der antifaschistische Schutzwall noch.

Wenn damals ein Drucker streikte, wurde er vom Arbeitgeberverband ausgesperrt.

Als Rohling bezeichnete man Typen wie Kai Schneider aus meiner Klasse, der immer Kopfnüsse verteilte.

Ein Menü begann für gewöhnlich mit einem Krabbencocktail.

Bio war ein Schulfach.

Und Singles mit Niveau waren meistens von Reinhard Mey.

Die gute Nachricht für Euch junge Leute ist: Älter wird man ganz von allein, wenn es einem nur gelingt nicht zwischendurch zu sterben.

Egal ob man arbeitet oder Hartz-Vier bekommt, oder beides, egal ob man sich an ein paar Jahre nicht erinnern kann, weil man mit Eimer-Rauchen beschäftigt war, ob man meistens einsam Pläne schmiedend auf dem Sofa lag oder mit bereits 24 den Rekord im Pfahlsitzen gebrochen hat. Egal ob man eine Karriereleiter hochgestiegen ist oder auf der Suche nach der Abkürzung zum Ruhm die Leiter irgendwie nicht gefunden hat. Egal ob man den Ulysses gelesen hat oder nur „100 tolle Ideen mit Hackfleisch“. Egal ob man ausgewandert oder eingesessen ist, ob man den Tag nutzt oder nur die Brückentage ausnutzt. Irgendwann guckt man auf den Kalender, rechnet kurz nach und sagt: Uff, echt jetzt?

Und dann blickt man zurück. Die schlechte Nachricht ist übrigens, dass man sich an die peinlichen Situationen immer am besten erinnern kann. An schlechten Tagen werde ich rot, für Sachen, die habe ich 1989 gesagt.

Was sind das nur für Leute die sagen, sie würden alles nochmal genauso machen? Das würde ich auf gar keinen Fall. Ich hätte da diverse Verbesserungsvorschläge an mich selbst. An mich mit 15 zum Beispiel: ”Schreib Anja Schumacher aus dem Sportverein nicht diesen blöden ehrlichen Brief. Es ist egal, dass sie die Band die Teens gut findet. Sie ist sehr hübsch und sie ist nett und vielleicht küsst sie Dich. Da kannste sonst ewig drauf warten. Verabrede dich mit ihr. Du arrogantes Arschloch!” Auch für meine späteren Jahre könnte ich mir mittlerweile viele gute Tipps geben: “Lass das mit den Drehbüchern, das führt zu nichts. Such’ Dir lieber einen vernünftigen Halbtags-Job.” Zum Beispiel. Oder, oh mein Gott, 1982: „Vergiss Heinz-Rudolf-Kunze. Er ist ein Blender!“ Oder auch Silvester 1992: „Trink ihn nicht, diesen Tequila Sunrise!!!“ Das wäre echt eine gute Entscheidung gewesen.

Mein Tipp also an Euch: trefft einfach immer die richtige Entscheidung. Und
sagt niemals in Eurem Leben Sätze wie den, den ich neulich in der TV-Spielfilm gelesen habe, er stammt von der PR-Agentur-Megacult: “Wer glaubt, dass Mentos mit dem Vorgängerspot ‘Poolparty’ das Spaß- und Partyverständnis der Lifestyle Generation neu definiert hat, wird nach ‘High Rider’ zugeben müssen, dass Funkyness im Kaugummisegment wohl nie cooler inszeniert wurde”

Egal wie viel Geld, egal wie viel Koks sie Euch geben, sagt niemals “Funkyness im Kaugummisegment”. Das würde die Welt echt erträglicher machen. Und Ihr müsst Euch später nicht schämen.

Eins noch: Meldet Euch ab bei Xing. Das bringt doch nichts. Wenn ich mir die Profilfotos so anschaue, sehen einige dieser Business-Profis so aus, als ob sie ihre Liebste gerne mal mit einer romantischen Powerpointpräsentation überraschen: „Schatz, ich liebe Deine Alleinstellungsmerkmale!“ Als Xing-Mitglied wird man zu tollen Veranstaltungen eingeladen, wo man lernt, dass “Erfolg im Kopf beginnt“, der nämlich rund ist, damit man rechtzeitig seine Meinung ändern kann. Nur so erreicht man nämlich seine Ziele mit den zehn einfachen Schritten zu Potentialentfaltung und Motivation! Und Samstags geht’s zum „Kompetenz-Brunch“. Kompetenz-Brunch! Kein Witz, das gibt es wirklich. Wer Kompetenz-Brunch sagen kann, ohne zu lachen oder zu hassen, von dem ist kein vernünftiger Gedanke mehr zu erwarten. Nie wieder. Ich sage nur „Funkyness im Kaugummisegment.“ Die Steigerung, die vollkommene Auflösung des Selbst im kapitalistischen System schafft allerdings Kai Pflaume, der einmal von sich sagte: „Die Marke Kai Pflaume ist breit aufgestellt“. Neulich, als ich breit war, sagte meine Frau übrigens zu mir, ich Pflaume sei schon eine ziemliche Marke. Was der kann, kann ich schon lange.