Freitag, 17. Juni 2011

Topaktueller Text (3): BLUTMOND (Lesebühnentext von Mittwoch)


Sollte ihnen ab 21 Uhr 33 etwas blümerant zu Mute werden, mag das am Blutmond liegen, vielleicht macht der Mond Sie aber auch, so warnte zumindest Bild-Online, sexverrückt. In diesem Falle warten Sie bitte noch die zweite Hälfte der Veranstaltung ab, danach können Sie meinetwegen machen was Sie wollen. Sollte sich keine Sexverrücktheit bei Ihnen einstellen, doch stattdessen fühlen Sie sich sensibler aber auch gereizter, liegt das daran, dass so eine totale Mondfinsternis sich sehr intensiv auf unsere weiblichen Anteile auswirkt. Sagt BILD-Astrologin Freya Onassis. Meine weibliche Intuition sagt mir allerdings, dass eine Frau mit diesem Namen, dieser Berufbezeichnung und diesem Arbeitgeber nicht alle Latten am Zaun haben kann und leicht gereizt, ja stehe zu meinen weiblichen Anteilen, schaute ich mir ihre Webseite an, und siehe da, Freya Onassis ist außerdem noch Runenmeisterin. Mit Runen kann man angeblich irgendwie die Zukunft voraussagen. Und sie verkauft Runenringe für 70 Euro, die einem dabei helfen sollen, reich zu werden. Zumindest ihr helfen sie dabei. Außerdem hat sie einen Verein gegründet, der unter anderem erreichen will, dass man bei Runen nicht immer direkt an Nazis denkt. Bei mir passiert allerdings das gleiche, egal ob ich an Nazis oder Esoteriker denke, ich werde extrem gereizt, und bin geneigt ihnen und ihrem blöden Odin mal ordentlich die Chackren auf Links zu ziehen. Ich sag’ ja immer, wenn bei der Sonnenwendfeier mal so ein Externstein umfällt, trifft er immer den Richtigen. Und warum versteht eigentlich niemand, dass es gar nicht gut wäre, wenn man die Zukunft wirklich voraussagen könnte. Ich habe ja einige Zeit lang Karaokeveranstaltungen moderiert, jetzt stellen Sie sich mal vor, eine magische Kristallkugel hätte mir mit 16 Jahren ausgerechnet den Ausschnitt aus meiner Zukunft gezeigt, in dem ich auf dem Sommerfest der Diakonie in Düsseldorf im Second-Hand-Anzug „Tanze Samba mit mir“ singe und mit meinem Kollegen vor 40 tratschenden Pädagoginnen ungeschickt die Hüften dazu bewege. Das hätte mich mit Sicherheit noch mehr deprimiert, als ich es seinerzeit ohnehin schon war. Hätte mich die nette Wahrsagerin dann darauf hingewiesen, dass es doch ganz so aussähe, als hätte ich Spaß dabei: Es hätte mir den Rest gegeben.

Aber soweit denken ja weder Nazis noch Esoteriker, denn sonst wären sie ja keine Nazis oder Esoteriker, die finden Denken eben nicht gut. Dabei kann das jeder, da braucht man nicht mal Abitur für. Auch wenn die Populärkultur uns weiß machen will, der Kopf, also die Vernunft, wäre etwas, das unserem Glück im Wege steht während Gefühle irgendwie prinzipiell immer recht hätten: Das stimmt nicht. Gucken sie mal Beispielsweise eine Auswanderersendung. Da sagt das 40jährige Paar mit der kaufmännischen Ausbildung beim Erwerb des heruntergekommen Grillrestaurants auf Gomera hätten sie ein sehr gutes „Bauchgefühl“ gehabt. Während alle Zuschauer schon in dem Moment wissen: Das geht schief und hinterher heult wieder einer. Das sieht man einfach kommen, durch logisches Nachdenken, ohne Runen, ohne Kristallkugel und ohne Freya Onassis.