Montag, 21. Februar 2011

Funky 80s

Und hier kommt sie doch, die Nachhilfestunde in 80er Jahre.

So, nun zu den achtziger Jahren: Ja, auch ich hatte einen Rubicks Cube, ja Nena sah super aus im roten Minirock, und ja, Limahl hatte eine lustige Frisur. Rod Steward auch.

Ich aber lebte nicht in der Welt der roten Miniröcke. Ich lebte in der Welt der Vollkornnudeln. Eines der überflüssigsten Lebensmittel, die je erfunden wurden. Aber Weißmehl war böse! Man starb daran. Deshalb musste man in den Urlaub nach Frankreich einen Zweiwochenvorrat steinhartes Biobrot mitnehmen, weil, diese Baguettes waren ja voll die Weißmehlscheiße. Das schmeckt einem ja gar nicht mehr, wenn man einmal dieses steinharte Biobrot gekostet hat. Behaupteten manche. Denn Streber gibt es ja überall. Nicht nur die Nudeln wurden grau, auch das Schreibpapier. Ich glaube, sie konnten schon damals weißes Recyclingpapier herstellen, aber die Aromateetanten wollten graues Papier. Sonst hätte man ja den Unterschied gar nicht gesehen. Unter einer Auswahl von zehn Teesorten im Hause brauchte man übrigens keine Frau einzuladen. Zehn waren Minimum. Meistens blieb es aber beim Tee. Bei mir zumindest.

Dafür ließen sie aber kokett den mit einer Schere ausgeschnittenen Kragen ihres Thermounterhemdes über die Schulter rutschen. In meiner Erinnerung hatten sie alle sehr schöne Schultern. Und, ja, ich will mich um dieses Thema nicht drücken, auch sehr schöne Achselhaare. Das Thermounterhemd war übrigens auch grau, weil das biologisch abbaubare Waschmittel aus drei Komponenten nicht richtig funktionierte. Egal, damit haben wir immerhin die Industrie in die Knie gezwungen, und im Rhein wohnen jetzt wieder Fische.

Diskutieren war übrigens auch sehr anstrengend. Man durfte nicht man sagen, weil, man sollte ja von sich sprechen. Tat man das wurde einem wiederum vorgeworfen, man begänne ja jeden Satz mit „ich“, ob einem das gar nicht aufgefallen wäre. Dann fühlte man sich, äh, ich mich, schlecht. Das war vermutlich auch der Sinn der Sache.

Die Krankheiten waren alle psychosomatisch: Schnupfen zum Beispiel bedeutete: „Du hast die Nase voll!“ Magendarm, na ja, kann man sich ja denken.

Und die großen politischen Bewegungen der 80er, die Friedensbewegung und die Antiatombewegung wovon handelten sie: Von Angst. Angst vor dem Weltuntergang. Man ging nicht auf die Straße um den Scheißkapitalismus abzuschaffen, nein, Angst, German Angst, brachte die Leute auf die Straße, wegen keine zweite Welt im Kofferraum und so weiter. Wie unfunky.

So, das war, in aller gebotenen Kürze, die erste Hälfte der 80er. Dann, 1985, wurde ich Hausbesetzer und Autonomer, gebatikte Windel weg, schwarzes Dreiecktuch her. Lederjacke gekauft. Mit Scheißkapitalismus abschaffen angefangen. Auch hier gab es manch’ abstruse Regel, aber endlich wieder leckere Brötchen und jede Menge geklauten Champagner. Doch das ist eine andere Geschichte. Muss ich mal aufschreiben. Aber man kommt ja zu nichts. Dauernd muss man arbeiten. Scheißkapitalismus. Sollte man mal abschaffen.

Donnerstag, 10. Februar 2011

Gottschalk, alter Slam-Poet

Ja, ich habe es mal wieder getan, ich war am Montag beim Dichterkrieg im Sonic Ballroom. Und es war schön. Da ich eine guten Tipp bekommen habe, werde ich hier im Blog in Zukunft keine Texte mehr veröffentlichen, die es ins Soloprogramm schaffen können, weil sonst wäre ja die Überraschung weg, so Kollege E.. Da hat er doch recht, finde ich. Texte, die ich ausschließlich auf Slams vorlese, kann ich glaube ich schon hier veröffentlichen, die Schnittmenge zwischen Slam-Publikum und meinen Leserinnen und Lesern hier ist glaube ich nicht so riesig. Also hier mein neuer Slam-Text, am Ende wollte ich wohl nochmal feilen, oder auch nicht, denn schließlich bin ich auch so ins Halbfinale gekommen. Der Text hat keinen  Titel, könnte aber heißen: Gottschalk, alter Slam-Poet:


Meistens bin ich ja bei Poetry-Slams der älteste. Und wenn ich dann so Anekdoten aus den achtziger Jahren erzähle, über die Honda CB fünfzig, ein Mokick mit Viertaktmotor war das damals, oder diesen bescheuerten Kuchen namens Hermann, der quasi der freakige Vorläufer der Kettenmail war, und den man von so total sanften Typen mit gebatikten Windeln als Halstücher zum Geburtstag bekam, dann schaltet das junge Publikum gerne mal ab. Das interessiert Die einfach nicht. Und ich fliege dann in der Vorrunde raus. Ich nehme das natürlich ganz locker, rufe meine Frau an und sage „Das verfickte Studentenpack hat mich in der Vorrunde rausgewählt, diese ignoranten Pisaopfer-Koma-Säufer-Betrunkenen-Dekorierer-Penner haben doch keine Ahnung von Kunst.“

Dann habe ich aber mal nachgedacht vor allem aber nachgerechnet. Für die meisten von Euch sind ja die achtziger Jahre das, was für mich die 60er Jahre sind: So die letzten Ausläufer der Nachkriegszeit. Mich interessiert ja auch nicht, wer damals die Stones oder die Beatles besser fand, was interessiert Euch Geha oder Pelikan? Ich meine, das war ja vor der Währung noch. Damals passten alle Neonazis noch in die winzig kleine Wikingjugend oder tobten mit der Wehrsportgruppe Hoffmann durch den Wald. Wenn damals ein Drucker streikte, wurde er vom Arbeitgeberverband ausgesperrt.

Aber statt Euch eine Nachhilfestunde in 80er Jahre Zeitgeschichte zu geben (außer: glaubt nichts, was Oliver Geissen sagt, es war definitiv schlimmer), dachte ich mir, ihr könntet ja vielleicht von meiner Lebenserfahrung profitieren.

Die gute Nachricht für Euch junge Leute ist: Älter wird man ganz von allein, wenn es einem nur gelingt nicht zwischendurch zu sterben.

Egal ob man arbeitet oder Hartz-Vier bekommt, oder beides, egal ob man sich an ein paar Jahre nicht erinnern kann, weil man mit Eimer-Rauchen beschäftigt war, ob man meistens einsam Pläne schmiedend auf dem Sofa lag oder mit bereits 24 den Rekord im Pfahlsitzen gebrochen hat. Egal ob man eine Karriereleiter hochgestiegen ist oder auf der Suche nach der Abkürzung zum Ruhm die Leiter irgendwie nicht gefunden hat. Egal ob man den Ulysses gelesen hat oder nur „100 tolle Ideen mit Hackfleisch“. Egal ob man ausgewandert oder eingesessen ist, ob man den Tag nutzt oder nur die Brückentage ausnutzt. Irgendwann guckt man auf den Kalender, rechnet kurz nach und sagt: Uff, echt jetzt?

Und dann blickt man zurück. Die schlechte Nachricht ist übrigens, dass man sich an die peinlichen Situationen für immer am besten erinnern kann. An schlechten Tagen werde ich rot, für Sachen, die habe ich 1989 gesagt.

Was sind das nur für Leute die sagen, sie würden alles nochmal genauso machen? Das würde ich auf gar keinen Fall. Ich hätte da diverse Verbesserungsvorschläge an mich selbst. An mich mit 15 zum Beispiel: ”Schreib Anja Schumacher aus dem Sportverein nicht diesen blöden ehrlichen Brief. Es ist egal, dass sie die Band die Teens gut findet. Sie ist sehr hübsch und sie ist nett und vielleicht küsst sie Dich. Da kannste sonst ewig drauf warten, glaub' mir. Verabrede dich mit ihr. Du arrogantes Arschloch!” Auch für meine späteren Jahre könnte ich mir mittlerweile viele gute Tipps geben: “Lass das mit den Drehbüchern, das führt zu nichts. Such’ Dir lieber einen vernünftigen Halbtags-Job.” Zum Beispiel. Oder, oh mein Gott, 1982: „Vergiss Heinz-Rudolf-Kunze!“ Oder auch Silvester 1992: „Nimm ihn nicht, diesen Tequila Sunrise!!!“ Das wäre echt eine gute Entscheidung gewesen.

Aber merke: Verändern kann man nur die Zukunft. Aber das wusstet Ihr wahrscheinlich bereits. Außerdem muss man Verantwortung übernehmen, vor allem für sein Gesicht und sein Gewicht. Das tue ich hiermit. Na gut, einen Tipp habe ich, hilft gegen Betrug: „Was zu schön ist um wahr zu sein, ist nicht wahr.“

Und eine Bitte, sagt bitte niemals in Eurem Leben Sätze wie den, den ich neulich in der TV-Spielfilm gelesen habe, er stammt von der PR-Agentur-Megacult:
 “Wer glaubt, dass Mentos mit dem Vorgängerspot 'Poolparty' das Spaß- und Partyverständnis der Lifestyle Generation neu definiert hat, wird nach 'High Rider' zugeben müssen, dass Funkyness im Kaugummisegment wohl nie cooler inszeniert wurde"

Egal wie viel Geld, egal wie viel Koks sie Euch geben, sagt niemals “Funkyness im Kaugummisegment”. Das würde die  die Welt echt erträglicher machen.