So, nun zu den achtziger Jahren: Ja, auch ich hatte einen Rubicks Cube, ja Nena sah super aus im roten Minirock, und ja, Limahl hatte eine lustige Frisur. Rod Steward auch.
Ich aber lebte nicht in der Welt der roten Miniröcke. Ich lebte in der Welt der Vollkornnudeln. Eines der überflüssigsten Lebensmittel, die je erfunden wurden. Aber Weißmehl war böse! Man starb daran. Deshalb musste man in den Urlaub nach Frankreich einen Zweiwochenvorrat steinhartes Biobrot mitnehmen, weil, diese Baguettes waren ja voll die Weißmehlscheiße. Das schmeckt einem ja gar nicht mehr, wenn man einmal dieses steinharte Biobrot gekostet hat. Behaupteten manche. Denn Streber gibt es ja überall. Nicht nur die Nudeln wurden grau, auch das Schreibpapier. Ich glaube, sie konnten schon damals weißes Recyclingpapier herstellen, aber die Aromateetanten wollten graues Papier. Sonst hätte man ja den Unterschied gar nicht gesehen. Unter einer Auswahl von zehn Teesorten im Hause brauchte man übrigens keine Frau einzuladen. Zehn waren Minimum. Meistens blieb es aber beim Tee. Bei mir zumindest.
Dafür ließen sie aber kokett den mit einer Schere ausgeschnittenen Kragen ihres Thermounterhemdes über die Schulter rutschen. In meiner Erinnerung hatten sie alle sehr schöne Schultern. Und, ja, ich will mich um dieses Thema nicht drücken, auch sehr schöne Achselhaare. Das Thermounterhemd war übrigens auch grau, weil das biologisch abbaubare Waschmittel aus drei Komponenten nicht richtig funktionierte. Egal, damit haben wir immerhin die Industrie in die Knie gezwungen, und im Rhein wohnen jetzt wieder Fische.
Diskutieren war übrigens auch sehr anstrengend. Man durfte nicht man sagen, weil, man sollte ja von sich sprechen. Tat man das wurde einem wiederum vorgeworfen, man begänne ja jeden Satz mit „ich“, ob einem das gar nicht aufgefallen wäre. Dann fühlte man sich, äh, ich mich, schlecht. Das war vermutlich auch der Sinn der Sache.
Die Krankheiten waren alle psychosomatisch: Schnupfen zum Beispiel bedeutete: „Du hast die Nase voll!“ Magendarm, na ja, kann man sich ja denken.
Und die großen politischen Bewegungen der 80er, die Friedensbewegung und die Antiatombewegung wovon handelten sie: Von Angst. Angst vor dem Weltuntergang. Man ging nicht auf die Straße um den Scheißkapitalismus abzuschaffen, nein, Angst, German Angst, brachte die Leute auf die Straße, wegen keine zweite Welt im Kofferraum und so weiter. Wie unfunky.
So, das war, in aller gebotenen Kürze, die erste Hälfte der 80er. Dann, 1985, wurde ich Hausbesetzer und Autonomer, gebatikte Windel weg, schwarzes Dreiecktuch her. Lederjacke gekauft. Mit Scheißkapitalismus abschaffen angefangen. Auch hier gab es manch’ abstruse Regel, aber endlich wieder leckere Brötchen und jede Menge geklauten Champagner. Doch das ist eine andere Geschichte. Muss ich mal aufschreiben. Aber man kommt ja zu nichts. Dauernd muss man arbeiten. Scheißkapitalismus. Sollte man mal abschaffen.