Montag, 27. Dezember 2010

Die Entdeckung der Currywurst – Extra's Cut (oder: wie ich mal Barbara Sukowa an die Wand gespielt habe)

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Der Film "Die Entdeckung der Currywurst" handelt angeblich von einer Frau (Barbara Sukowa), die im zweiten Weltkrieg einen Deserteur versteckt, sich in ihn verliebt und ihm das Kriegsende verschweigt. In Wirklichkeit geht es aber um Dieter Meyer, einen Mitläufer, dargestellt von mir. Meyer, kein Parteimitglied, aber im Großen und Ganzen ein Mitläufer, ist ein unauffälliger Mitarbeiter der Lebensmittelbehörde. Er hat es geschafft, wie, das lässt das Drehbuch offen, den ganzen Krieg über Zivilist zu bleiben. Er ist ein Überlebenskünstler von zweifelhafter Moral, der den Zuschauer auf eigentümliche Weise berührt, der aber nicht wirklich sympathisch ist. Er ist, deshalb habe ich die Regisseurin überredet meinen Text komplett aus dem Drehbuch zu streichen, ein Vetreter der berühmten "schweigenden Mehrheit". Ich habe mir erlaubt, eine Schnittversion zu erstellen, in der das Wesentliche erzählt wird, und der Nebenstrang, diese komische Liebesgeschichte, kein Rolle mehr spielt.     

Dienstag, 7. Dezember 2010

Wikileaks im Gladiolenweg


Hier hören (etwas runterscrollen bitte) oder hier lesen:


Wer letztendlich dahinter steckte, also als Quelle, war völlig unklar. „Eine aufstrebende Person aus dem Umfeld der Eigentümerversammlung des Gladiolenweges 6“ vermutete Helga, die übrigens nach außen sehr gelassen reagierte. Dass sie in den letzten Jahren ein paar Kilo zugenommen habe, sei ja nun wirklich kein Geheimnis. Auch die Drömerbuschs hatten verlauten lassen, es könne die über Jahre gewachsenen guten Beziehungen zwischen den beiden Familien nicht beeinträchtigen,  dass Helga und Klaus offenbar Stefan und Ulrike gegenüber geäußert hatten, Siggi Drömerbusch sei arrogant, eitel und inkompetent. Man werde sich, so die Drömerbuschs, auch weiterhin monatlich zum Doppelkopf treffen. Andrea Drömerbusch betonte außerdem, dass ihre bei dieser Gelegenheit gereichten selbst gemachten vegetarischen Brotaufstriche von bestimmten Nachbarn als „risikoscheu, wenig kreativ, ja nachgerade mutlos“ bezeichnet worden waren, sei eine Kritik, die an ihr abgleite, wie an Teflon.
Zwar gab sie sich nach außen hin ungerührt, dennoch hatte Helga Angst davor, was noch alles ans Licht kommen könnte. Immerhin hatten sie an ihrem „Sex-and-the-City“-Mädels-Abend zu späterer Stunde noch ordentlich abgelästert, und so ziemlich jeder hatte sein Fett weggekriegt. Sie selber hatte Hartmut aus dem zweiten Stock als „Mülltrennungs-Nazi“ bezeichnet und den anderen den Trick verraten, wie man mit einer geschickt verteilten Süddeutschen Zeitung einen gelben Sack in der Papiertonne prima tarnen konnte. Hätte sie doch bloß die Klappe gehalten. Aber sie hatten auch alle ein paar „Cosmopolitans“ mit viel Cointreau getrunken gehabt und waren in bester Carry-Bradshaw-Laune gewesen. Kaum war die Tür hinter der Drömerbusch, die als erste ging, geschlossen, hatte Ulrike gesagt, die Drömerbusch erinnere sie immer an ihre alte Handarbeitslehrerin und wilde Vermutungen über ihr Sexualleben angestellt, die aus Gründen des Anstandes, aber auch aus rechtlichen Erwägungen hier nicht weitergeben werden sollen.
Und selbst zu Stefan und Ulrike, mit denen Helga und Klaus sich eigentlich gut verstanden, waren sie nicht immer offen gewesen. Waren Notlügen nicht häufig eine Frage der Diplomatie? Ja, Klaus hatte Stefans neue Angeberkarre Stefan gegenüber als „tolles Auto“ bezeichnet und kaum dass sie allein waren gemeint, kleine Männer bräuchten eben große Autos. Andererseits war es doch auch höchstwahrscheinlich so, dass die beiden Helgas abstrakte Aquarelle nur aus Höflichkeit aufhängten und gerade Stefan sie ganz furchtbar fand.
Nun, sie waren alle erwachsen, und würden diese kleine Krise überstehen. Dass aber ausgerechnet Hartmut mit seinem Toyota Prius jeden Donnerstag betrunken in die Tiefgarage fuhr, hatte eine andere Qualität. Jeder hatte das schon mal mitbekommen, aber nie hatte ihn jemand darauf angesprochen. Jetzt stand es da in diesem Blog von diesem 14jährigen Rotzlöffel von den Hubers, diesen Zugezogenen aus Bayern, wer auch immer seine Quellen gewesen waren.
Der Hammer aber war, dass herausgekommen war, dass sich die FDP-Wähler im Haus, die Meiers, die Hubers eben und besagte Drömerbuschs, die bei den Eigentümerversammlungen stets gemeinsam gegen Solarpanelen auf dem Dach gestimmt hatten, untereinander gar nicht grün waren. Die Hubers hatten die Meiers als „Nachbarn, die man gerne vermeiden würde“ bezeichnet, die Drömerbuschs hatten gar hinter vorgehaltener Hand mit Stefan und Ulrike fraternisiert, und die Meiers als „Die Irren aus dem Gladiolenweg“ bezeichnet. Wenn die Idioten ausziehen würden, dachte Helga, hätte der Huber-Junge, den gerade alle ins Heim stecken wollten, am Ende noch eine gute Tat vollbracht.