Freitag, 27. August 2010

Quincy

entweder hier hören (ein bisschen runterscrollen, bitte) oder hier lesen:

„Meine Herren, wir kommen jetzt zu einem der interessantesten Kapitel der Polizeiarbeit, dem Kapitel Gerichtsmedizin.“
Ich spreche diesen Satz jedes Mal mit. Doktor Quincy sagt ihn im Vorspann zu den jungen Polizisten und lüpft dabei das grüne Tuch von der Leiche auf dem Seziertisch. Als er schließlich die elektrische Knochensäge zückt, ist auch der letzte Cop in bester Slapstickmanier in Ohnmacht gefallen.
Das ist furchtbar albern, aber ich liebe diese Szene, wie überhaupt den ganzen Vorspann mit seiner Siebziger-Jahre-Serien-Orchester-Musik. Dabei passt diese Szene eigentlich gar nicht zu Quincy: Genau wie ihr Protagonist behandelt die Serie jede Leiche mit Respekt. Kein Zynismus, keine Schockeffekte. Von den toten Körpern sieht der Zuschauer nicht mehr als nötig. Lustig sind in der Regel nur die Kabbeleien zwischen Quincy und seinem Assistenten Sam, seinem nervösen Vorgesetzten Aston, dem altgedienten Lieutenant Monahan oder seinem Kumpel, Wirt und Wettgegner Danny.
Ja, die Serie ist alt. Die Hemdkragen und die Autos sind groß, bei der Polizei arbeiten eigentlich nur Männer, im Labor trinkt man viel schlechten Filterkaffee, Haarproben werden unter dem Mikroskop verglichen, Körperflüssigkeiten im Reagenzglas geschüttelt. Sam malt Kurvendiagramme mit der Hand. Keine DNA-Analyse, kein Computer, kein Bingo-Ich-Bin-Drin-Im-Netzwerk-Des-Voll-Bösen-Pharma-Konzerns. Ehrliches wissenschaftliches Handwerk.

Und filmisches: Zooms machen noch nicht WUSCH, so wie bei CSI, fliegende Projektile werden nicht per Kamerafahrt begleitet, all dieses Chichi das heute von den Schwächen der Drehbücher ablenkt, damit niemand merkt, dass jede Derrickfolge fintenreicher und abgründiger ist, gab es damals noch nicht.

Quincy war 1976 der erste Gerichtsmediziner, der Protagonist einer Fernsehserie war, ein Genre war geboren, eines, dass mich immer wieder fasziniert: Während einer Obduktion beschreibt der Gerichtsmediziner die grausamsten Verletzungen mit wissenschaftlicher Präzision. Dieses ganze Wiegen und Vermessen, diese ausgestellte Professionalität im Umgang mit dem toten Körper: Auf dem Seziertisch ist kein Platz für Pathos.

Natürlich dient all dies nur der Wahrheitsfindung, die wiederum kein Selbstzweck ist, es gilt, anderer Leute Leben zu retten und natürlich, wir reden über einen Krimi, Verbrecher hinter Gitter zu bringen.

Dr. Quincy ist beseelt von einem unerschütterlichen Glauben an die Macht der Wahrheit. Das ist es, was hinter all seinen Prinzipien steckt. Er hat schon seine ältesten Kumpels verdächtigt, wenn die Fakten gegen sie sprachen. Er kann nicht anders. Er ist dermaßen integer, im Zweifelsfall würde er sich selbst überführen. Wer lügt und vertuscht, bekommt es mit ihm zu tun, wer Profitinteressen über die Interessen der Allgemeinheit stellt sowieso. Er, der Angestellte im Öffentlichen Dienst, sieht sich in der Pflicht, der Öffentlichkeit zu dienen, ohne Ansehen der Person – aber mit einem Herz für die kleinen Leute. Es gibt vermutlich keinen Serienhelden, der aus mehr Vorstands-Büros komplimentiert wurde, der sich mit mehr Ärzten über den hippokratischen Eid gestritten hat. Er ist der König der Moralpredigt, und ja, vielleicht ist Quincy der letzte große Demokrat unter den Fernsehermittlern.
Quincy, einen Vornamen hat er übrigens nicht, es scheint so einen speziellen Männertyp zu geben, bei dem ein Vorname überflüssig ist, führen seine Ermittlungen im Laufe der Jahre in die verschiedensten Milieus: Mitglieder der Gewerkschaft für mexikanische Landarbeiter klären ihn über das Elend der illegalen Einwanderer auf, er untersucht Fälle im Indianerreservat, bereits 1982 ermittelt er in der Punk-Szene, er untersucht tote Rennfahrer, Boxer und ehemalige Korea-Kämpfer. Die Bücher erlauben sich auch ironische Kommentare zum Zeitgeist, wenn Quincy sich beispielsweise mit einem Opfer befasst, dass bei einer halbseidenen Gruppen-Schreitherapie in einem Badezuber ungekommen ist, und die Witwe laut über Probleme der gehobenen Mittelschicht nachdenkt.

Zugegeben, die Sendezeiten, morgens um zehn, die Wiederholung am folgenden morgen um halb sechs, machen es dem Fan nicht einfach. Doch Quincy hat es sich auch nie einfach gemacht, ebenso wenig wie seinem manchmal bemitleidenswerten Mitarbeiter Sam. In fast jeder Folge muss der eine Nachtschicht einlegen, weil die allerletzte toxikologische Untersuchung einfach keinen Aufschub duldet. Doch Sam und ich wissen: Für den Sieg der Wahrheit muss man Opfer bringen. Oder den Videorekorder programmieren.

Freitag, 6. August 2010

Echte Freunde

entweder hier hören oder hier lesen:

Facebook hat 500 Millionen Nutzer, und einer davon bin ich. Ich habe 126 Freunde und liege damit im Durchschnitt. Viele davon kenne ich sogar persönlich. Zum Beispiel meine Mutter. Sie ist jetzt meine Facebook-Freundin. Früher kannte ein Mann, jetzt mal abgesehen von Verwandten und Kollegen, die man sich nicht aussuchen kann, und abgesehen von einer wie auch immer bezeichneten Partnerschaft, drei wesentliche Formen der menschlichen Beziehung: Bekannte, Kumpels und Freunde. Das war fein abgestuft und „Freund“, das war die Königsklasse, der Rolls-Royce unter den Beziehungen.

126 echte Freunde, das würde niemand aushalten: Soviel Bier kann man nicht trinken in Fällen von akutem Liebeskummer und so viele Waschmaschinen kann man nicht die Treppe runter tragen, 126 Freunde würden einen schon rein gesundheitlich schnell ruinieren.

Facebook-Freunde sind da wesentlich anspruchsloser. Bis vor vier Wochen hatte ich nur zwei. Die waren auf andere Kontinente gezogen und ich wollte mir gerne ihre Fotos anschauen können. Dann kam ein dritter dazu, einer der Facebook als Werbung für seine Firma nutzt, er brauchte dringend Freunde, natürlich „addete“ ich ihn, wie man auf Facebook sagt, das tut man halt für einen Kumpel. Dann kam mein Bruder und lachte mich aus, weil ich nur drei Freunde hatte, und noch mehr als ich sagte, dass sei Absicht. Deshalb, und weil ich ja irgendwie auch eine Firma bin und marketingtoolmäßig mit der Zeit gehen muss und weil Hinz und Kunz davon redete, kurzum: Weil ich mich dem Zeitgeist nicht weiter entgegenstellen wollte, sprang ich kurz vor dem 500 Millionsten Nutzer auf den Zug auf.

Ich wollte unbedingt schnell über hundert Freunde haben, also bestätigte ich auch die Freundschaftsanfrage von Georg M., einem alten Schulfreund. Wir hatten uns nicht umsonst aus den Augen verloren, aber was sollte schon passieren. Ich stellte schnell fest: Facebook ist perfekt programmiert für alles, was am Internet nervt: Die Verlinkung von lustigen Videos über kopulierende Tiere, die Distribution aller Varianten jenen Humors, der früher auf Büro-Kopierern vervielfältigt wurde, und natürlich für die Verbreitung von Null-Informationen wie "Mann, ist das heiß heute!!!!" mit vier Ausrufezeichen.

Hauptbestandteil von Facebook ist eine Oberfläche, die fragt: Was machst Du gerade? Dort kann man dann eine begrenzte Zeichenzahl eingeben und zum Beispiel schreiben: „Christian Gottschalk schreibt gerade eine kleine Glosse über Facebook für das Radio und hofft, dass sie gut wird.“ Dann wartet man, dass irgendjemand den „gefällt-mir“-Button drückt oder dass es jemand kommentiert. Und im Laufe der Zeit, unerbittlich, einer meiner Freunde verglich es mal mit Treibsand, rutscht das Posting auf dem Bildschirmen immer weiter nach unten, vor allem wenn man viele aktive und mitteilungsfreudige Freunde hat, die auch gerade irgendetwas tun oder denken. Wenn gar niemand auf die eigene Äußerung reagiert, ist das enttäuschend, und man kommt sich ein bisschen blöd vor. Das ist so, wie wenn man in lustiger Runde einen Witz macht, und keiner lacht.

Einige meiner Facebook-Freunde haben eine gewisse Meisterschaft darin entwickelt, sich mit geistreichen Miniaturen zu Wort zu melden, andere veranstalten selbst gemachte Bilderrätsel, die ich natürlich versuche zu lösen, wieder andere posten nette Urlaubsfotos. Und dann muss ich natürlich immer noch gucken, mit wem die anderen so befreundet sind, wie sich diese wildfremden Leute auf ihren Profilbildern darstellen, zu welchen Veranstaltungen ich eingeladen bin, wer da zugesagt hat, muss mich über diesen oder jenen wundern, weil er offenbar den ganzen Tag nichts anderes zu tun hat, als auf Facebook rumzuspamen, und gelegentlich kommentiere ich natürlich auch die Äußerungen anderer: Wo hat man schon die Gelegenheit, über eine schlagfertige Replik mehrere Minuten nachzudenken. Sie sehen: Facebook ist eine Zeitfressmaschine und somit lustiger Treffpunkt aller professionellen Prokrastinierer, also Arbeit-Aufschieber. Auch hier stimmt das Treibsandbild, man kann leicht darin versinken. Oh, klingt irgendwie bedeutungsvoll. Muss ich gleich mal posten. Tschüss!