„Meine Herren, wir kommen jetzt zu einem der interessantesten Kapitel der Polizeiarbeit, dem Kapitel Gerichtsmedizin.“
Ich spreche diesen Satz jedes Mal mit. Doktor Quincy sagt ihn im Vorspann zu den jungen Polizisten und lüpft dabei das grüne Tuch von der Leiche auf dem Seziertisch. Als er schließlich die elektrische Knochensäge zückt, ist auch der letzte Cop in bester Slapstickmanier in Ohnmacht gefallen.
Das ist furchtbar albern, aber ich liebe diese Szene, wie überhaupt den ganzen Vorspann mit seiner Siebziger-Jahre-Serien-Orchester-Musik. Dabei passt diese Szene eigentlich gar nicht zu Quincy: Genau wie ihr Protagonist behandelt die Serie jede Leiche mit Respekt. Kein Zynismus, keine Schockeffekte. Von den toten Körpern sieht der Zuschauer nicht mehr als nötig. Lustig sind in der Regel nur die Kabbeleien zwischen Quincy und seinem Assistenten Sam, seinem nervösen Vorgesetzten Aston, dem altgedienten Lieutenant Monahan oder seinem Kumpel, Wirt und Wettgegner Danny.
Ja, die Serie ist alt. Die Hemdkragen und die Autos sind groß, bei der Polizei arbeiten eigentlich nur Männer, im Labor trinkt man viel schlechten Filterkaffee, Haarproben werden unter dem Mikroskop verglichen, Körperflüssigkeiten im Reagenzglas geschüttelt. Sam malt Kurvendiagramme mit der Hand. Keine DNA-Analyse, kein Computer, kein Bingo-Ich-Bin-Drin-Im-Netzwerk-Des-Voll-Bösen-Pharma-Konzerns. Ehrliches wissenschaftliches Handwerk.
Und filmisches: Zooms machen noch nicht WUSCH, so wie bei CSI, fliegende Projektile werden nicht per Kamerafahrt begleitet, all dieses Chichi das heute von den Schwächen der Drehbücher ablenkt, damit niemand merkt, dass jede Derrickfolge fintenreicher und abgründiger ist, gab es damals noch nicht.
Quincy war 1976 der erste Gerichtsmediziner, der Protagonist einer Fernsehserie war, ein Genre war geboren, eines, dass mich immer wieder fasziniert: Während einer Obduktion beschreibt der Gerichtsmediziner die grausamsten Verletzungen mit wissenschaftlicher Präzision. Dieses ganze Wiegen und Vermessen, diese ausgestellte Professionalität im Umgang mit dem toten Körper: Auf dem Seziertisch ist kein Platz für Pathos.
Natürlich dient all dies nur der Wahrheitsfindung, die wiederum kein Selbstzweck ist, es gilt, anderer Leute Leben zu retten und natürlich, wir reden über einen Krimi, Verbrecher hinter Gitter zu bringen.
Dr. Quincy ist beseelt von einem unerschütterlichen Glauben an die Macht der Wahrheit. Das ist es, was hinter all seinen Prinzipien steckt. Er hat schon seine ältesten Kumpels verdächtigt, wenn die Fakten gegen sie sprachen. Er kann nicht anders. Er ist dermaßen integer, im Zweifelsfall würde er sich selbst überführen. Wer lügt und vertuscht, bekommt es mit ihm zu tun, wer Profitinteressen über die Interessen der Allgemeinheit stellt sowieso. Er, der Angestellte im Öffentlichen Dienst, sieht sich in der Pflicht, der Öffentlichkeit zu dienen, ohne Ansehen der Person – aber mit einem Herz für die kleinen Leute. Es gibt vermutlich keinen Serienhelden, der aus mehr Vorstands-Büros komplimentiert wurde, der sich mit mehr Ärzten über den hippokratischen Eid gestritten hat. Er ist der König der Moralpredigt, und ja, vielleicht ist Quincy der letzte große Demokrat unter den Fernsehermittlern.
Quincy, einen Vornamen hat er übrigens nicht, es scheint so einen speziellen Männertyp zu geben, bei dem ein Vorname überflüssig ist, führen seine Ermittlungen im Laufe der Jahre in die verschiedensten Milieus: Mitglieder der Gewerkschaft für mexikanische Landarbeiter klären ihn über das Elend der illegalen Einwanderer auf, er untersucht Fälle im Indianerreservat, bereits 1982 ermittelt er in der Punk-Szene, er untersucht tote Rennfahrer, Boxer und ehemalige Korea-Kämpfer. Die Bücher erlauben sich auch ironische Kommentare zum Zeitgeist, wenn Quincy sich beispielsweise mit einem Opfer befasst, dass bei einer halbseidenen Gruppen-Schreitherapie in einem Badezuber ungekommen ist, und die Witwe laut über Probleme der gehobenen Mittelschicht nachdenkt.
Zugegeben, die Sendezeiten, morgens um zehn, die Wiederholung am folgenden morgen um halb sechs, machen es dem Fan nicht einfach. Doch Quincy hat es sich auch nie einfach gemacht, ebenso wenig wie seinem manchmal bemitleidenswerten Mitarbeiter Sam. In fast jeder Folge muss der eine Nachtschicht einlegen, weil die allerletzte toxikologische Untersuchung einfach keinen Aufschub duldet. Doch Sam und ich wissen: Für den Sieg der Wahrheit muss man Opfer bringen. Oder den Videorekorder programmieren.
