Donnerstag, 4. März 2010

Der Geruch der Proberäume

Im Proberaum riecht es nach abgestanden Hoffnungen und toten Träumen und dem Schweiß all der Sänger, die glaubten, wenn sie nur laut genug sängen, klänge es schon irgendwie intensiv. In den Ecken liegen traurige Sätze wie: „Ich habe gleich gesagt, wir hätten mit ‚Wasserträger’ anfangen sollen“. Dietmar hatte diesen Satz 1992 gesagt, und Du hattest mit „Rock’n’Roll Victim“ anfangen wollen und Sascha mit was Ruhigem. Ihr wart Vorgruppe von „Explosion“ gewesen, die galten damals was im Bergischen Land. Aber das Publikum war gar nicht richtig abgegangen, auch nicht als Du gesagt hattest, sie sollten mal weiter nach vorne kommen. Danach war die Luft irgendwie raus gewesen, aber Du konntest kurz später bei „Nevermind“ einsteigen, die auch so eine Mischung aus Covers und eigenem Material spielten. Und ihr hattet teilweise schon damals deutsche Texte, das war vor Silbermond und so. Du machst noch ein Bier auf und fragst mich, warum Bill Kaulitz ein Star ist und Du nicht, und ich sage, weil Bill Kaulitz ein verdammter Künstler ist, und Du bist nur irgendein Angestellter, der ganz passabel Gitarre spielen kann und auch mit 38 Jahren beim Schlussakkord immer noch in die Luft springt. Und weil Gustav, der Schlagzeuger von Tokio Hotel, bestimmt niemals gesagt hat, ein synkopischer Siebenachteltakt würde die Bridge echt interessanter machen und Deine Schlagzeuger sich immer so was ausdenken. Und weil keine einzige Deiner Bands auch nur annähernd so einen coolen Namen hatte wie „Tokio Hotel“.

In Proberäumen riecht es nach Zigarettenkippen, die in Bierresten schwimmen, nach Schlagzeugern, die immer ihre T-Shirts ausziehen und nach schmutzigen Teppichen.

Früher, als Du Deine erste Band hattest, war das der Geruch des Zaubers, der entsteht, wenn die Band auf einmal mehr ist als die Summe ihrer Teile. An guten Tagen konntet ihr mit Euren Liedern Wind und Licht erzeugen. Ihr konntet mittels Schallwellen die Zeit beschleunigen und dehnen: Wenn Du damals beim Schlussakkord in die Luft gesprungen bist, bliebst Du dort für mehrere Sekunden stehen. Nach der Landung wart Ihr albern wie Verliebte. Du warst so alt wie Bill und nach drei Bier warst Du betrunken.

Genau deshalb springst Du noch heute beim Schlussakkord in die Luft. Weil das mal schön war, und Du hast nicht gemerkt, wann es aufgehört hat, schön zu sein. Nichts für ungut Alter, in meiner Plastiktüte ist noch Bier. Die anderen sind schon gegangen, die können auch nichts mehr ab. Und Klaus ist irgendwie komisch geworden, seit er nicht mehr kifft. Dreh den Marshall leiser und lass uns ein trauriges Lied spielen. Ich singe jetzt gerne im Liegen, abgefahren, oder? Ich rieche noch einmal kurz an dem alten Bierfleck hier im Perser, und dann geht es los.