Samstag, 27. Februar 2010

Ich und die römische Dekadenz

Der Mensch neigt ja dazu, sich die Vergangenheit schön zu reden, neulich dachte ich noch an die herrlichen Zeiten der Arbeitslosigkeit zurück. Ich lag in meiner Toga auf dem Sofa und aß Trauben, mein ebenfalls arbeitsloser Nachbar Dieter war mit Sklave sein dran und wedelte mir mit einem geklauten Palmwedel Luft zu. Zwischendurch musste er den Wein aus dem Tetrapack in die Glaskaraffe umfüllen und mir Ravioli im Römertopf servieren. Anfang des Monats gab es manchmal sogar Hähnchen, Pfau wäre natürlich irgendwie römischer gewesen, aber „Murats Schlemmer Stube“ führt keinen gebratenen Pfau. Wir hatten viel Spaß in jenem Sommer, bis ich mal Sklave war und Dieter fand, ich als sein Sklave sei eindeutig auch für Fußpflegeaufgaben zuständig. Wer Dieters Füße je gesehen hat, weiß, das musste zu einem Eklat führen. Aber die Dekadenz-Nummer war sowieso langsam langweilig geworden und der viele Wein hatte uns auch nicht gut getan. Dieter und ich kehrten in die Gegenwart zurück, fuhren den Computer hoch und checkten unseren Kontostand. Nun wussten wir auch, warum Dieters EC-Karte eingezogen worden war. Wir teilten unserer Komparsenvermittlung mit, dass wir in letzter Zeit sehr beschäftigt gewesen wären, jetzt aber wieder Kapazitäten frei hätten. Wir fuhren in eine nahe gelegene Kleinstadt und spielten in der Fußgängerzone abwechselnd „Blowing in the Wind“ und „Streets of London“. Wir kamen so plusminus Null raus. Eher so minus, weil wir auf der Rückfahrt beim schwarzfahren erwischt wurden. Endlich bekam ich einen Komparsenjob bei „Verbotene Liebe“. Bei „Verbotene Liebe“ gibt es, wie ich geschockt feststellen musste, anders als bei „Alles was zählt“ kein Frühstück und das Mittagessen kostet was. Dafür schnorrte ich bei Thommy Ohrner eine Zigarette, schließlich hatte ich ihm damals ordentlich die Daumen gedrückt, dass er sein Lachen zurückbekommt. Als ich Feierabend hatte, wurde mir dann mein Lachen gestohlen: Kein Bargeld, Überweisung. Ich fuhr wieder schwarz mit der Bahn und überlegte kriminell zu werden. Oder den Rest des Monats einfach durchzuschlafen. Dieter war Blut spenden gewesen und lud mich zu Spaghetti Bolognese ein. Am nächsten Tag ging ich Blut spenden, kein schönes Gefühl, aus Not 500 Gramm von sich selber zu verkaufen. Ich lud Dieter zu einem deftigen Eintopf ein. Dann klingelte das Telefon. Drei Drehtage! Für jeden von uns! Schulfernsehen, super Produktionsfirma, 70 Euro am Tag, Vollverpflegung. Am nächsten Tag füllten wir begeistert unseren Komparsenbogen aus, versicherten, dass wir keine staatlichen Leistungen bezogen, und trugen bei Beruf „Hausmann“ ein. Dann bekamen wir unsere Kostüme. Und schließlich die erste Anweisung: „Die Kollegen Sklaven bitte weiter nach rechts!“

Samstag, 13. Februar 2010

Die Aphorismen des Misanthropen (1)

Höllischer Karneval: Wenn sich die Leute öffnen sieht man leider was drin ist.
(Aus: Gustav Nathan Haldemann, "Die Aphorismen des Misanthropen", Füssli, Zürich 1972)