Sonntag, 20. Dezember 2009

4. Advent

Die Fälle des Pathologen und Ermittlers Martin Graupner (4)

Innendienst


Sie haben mich in den Innendienst versetzt. Das ist ja wohl klar, was das heißt: Ich bin einer ganz großen Sache auf der Spur. Vier ungeklärte Fälle. Der letzte: Die skelettierten Leichen im Industriegebiet. Warum ziehen sie mich ausgerechnet während der Bearbeitung dieses Falles aus dem Verkehr? Ich scheine ja einigen Leuten da oben gewaltig auf den Schlips getreten zu haben. Da haben bestimmte Personen aus einflussreichen Kreisen Dreck am Stecken. Niemand hat damit gerechnet, dass diese Knochen jemals wieder auftauchen. Kaltgestellt haben sie mich. Es sei besser, haben sie gesagt, wenn ich eine Zeitlang hier bliebe. Ich gehe die Akten noch mal durch. Alle Akten. Vielleicht gibt es einen Zusammenhang zwischen den Fällen. Ich muss irgendetwas übersehen haben. Ich lese nochmal den Obduktionsberichte aus dem Weckmannfall und den Obduktionsbericht des Lebkuchenmannes. Die Sprache dieser Berichte, die Resultate menschlicher Grausamkeit und die Qualen der Opfer mit wissenschaftlicher Strenge beschreibt, hat eine beruhigende Wirkung auf mich. Der Ärger über die Typen vom BKA, oder wer immer mir das hier eingebrockt hat, verfliegt. Ich kann wieder klare Gedanken fassen. Fünf großformatige Fotos von der sichergestellten Weihnachtsmannmütze liegen vor mir auf dem Tisch. Dann fällt es mir auf. Das ist kein billiger Tand vom Weihnachtsmarkt. Das ist keine Verkleidung. Die Mütze ist eindeutig echt. Sie haben ihn ermordet. Ich beginne in meinem kleinen schmucklosen Büro auf und ab zu gehen. Es wird immer klarer: Wir haben es mit einem Komplott zu tun. Weckmann, Pfefferkuchenmann, Weihnachtsmann. Alle tot. Ermordet binnen weniger Wochen. Sie alle wussten zuviel, ja, sie wussten zuviel über ein lange zurückliegendes Verbrechen. Ein Verbrechen, dessen Spuren ich im Industriegebiet gefunden habe. Die Spuren eines Massakers. Wenn ich den Knochen richtig datiert habe, führt uns der Fall zurück an den Anfang der achtziger Jahre. So, ich spinne jetzt mal ein bisschen rum. Eine Methode, die mir bisweilen beim Lösen komplexer Fälle hilft. 1982. Helmut Kohl ist gerade Bundeskanzler geworden. Der kalte Krieg hat sich über die Jahre zur schlechten Angewohnheit entwickelt. Bonn ist ein Tummelplatz der verschiedensten Geheimdienste. Von Bonn zum Fundort in Köln-Longerich ist es nicht weit. Ein Treffen in Bonn. Verschiedene Dienste. Advent 82. Es geht etwas schief. Es fallen Schüsse. Der Mossad hätte hier gar nicht so agieren dürfen und die NSA hat keinerlei Kompetenzen. Das hätte niemals passieren dürfen. Der BND rotiert. Alles wird vertuscht. Es ist eine Frage der nationalen Sicherheit. Sie verscharren die Leichen, es gibt keine Zeugen, denken sie. Keiner denkt an den alten Mann mit der roten Mütze! Der sieht bekanntlich alles. Und schreibt es in sein goldenes Buch. 2009. Ein Pfefferkuchenmann wartet auf seine Auslieferung. Er blättert gelangweilt im goldenen Buch von 1982. Er liest den Eintrag. Er erzählt seinem Kollegen, dem Weckmann, von der Geschichte. Die Dienste kriegen Wind davon und... beseitigen einen nach dem anderen. Eiskalt. Aber sie haben die Rechnung ohne Martin Graupner gemacht! Sie versuchen mich mit Haldol ruhig stellen, aber nicht mit Graupner! Ich habe das Zeug nicht genommen, ich brauche einen klaren Kopf! Ich habe Beweise. Ich werde einen detaillierten Bericht erstellen und die zuständigen Stellen umgehend benachrichtigen. Sie werden auch mich töten wollen. Aber ich werde sie austricksen. Die Wahrheit, da bin ich mir sicher, wird am Ende siegen.

Sonntag, 13. Dezember 2009

3. Advent

Die Fälle des Pathologen und Ermittlers Martin Graupner (3)

Knochenjäger


Es ist still Sonntagmorgens um halb fünf im Industriegebiet, trotzdem sperre ich den schmalen Grünstreifen zwischen der Imbissbude und der Bushaltestelle mit Flatterband ab. Crime Scene - Do not cross. Hier muss alles umgegraben werden, der ganze Bereich hier, sage ich leise zu mir selbst. Vielleicht war es der Regen der letzten Tage, der dieses Stück Knochen an die Oberfläche gespült hat. Das sind die schwersten Fälle, in denen das Verbrechen so lange zurückliegt, dass der Leichnam vollständig skelettiert ist. Hier gibt es nicht mal mehr Larven, da kann auch der feine Herr Benecke nichts mehr ausrichten. Das ist was für Fachleute hier. Fotos habe ich bereits gemacht, mit dem Maßband neben dem Knochen, an der Fundstelle, bevor ich ihn gesichert habe. Nach erstem Augenschein ein Teil des mittleren Rippenbogens eines Kleinkindes. Auf Außenstehende mag das grausam wirken, aber Professionalität ist in solchen Momenten das Wichtigste. Man muss sich im Griff haben. Ich kann nicht warten, bis der Rest der Mannschaft hier eintrifft, meine Stirnlampe muss als Beleuchtung reichen, mit dem Klappspaten trage ich die oberen Schichten Erde rund um die Fundstelle ab. Den Schädel zu finden wäre gut, dass würde die Identifizierung erheblich vereinfachen. Wenn das Opfer schon mal beim Zahnarzt war, zumindest. Hier muss buchstäblich jeder Zentimeter umgegraben werden, alles was auch nur im Entferntesten eine Spur sein könnte, wird sichergestellt. Mir wird warm beim Graben, es ist für die Jahreszeit zu mild. Ich bin verschwitzt und schmutzig als einige Zeit nach Sonnenaufgang der erste Streifenwagen eintrifft. Ich begrüße die Kollegen und gebe ihnen in knappen Worten einen Überblick über die Lage. Ich fordere eine Einsatzhundertschaft an, da der Suchradius vergrößert werden muss. Der jüngere Beamte weigert sich, entsprechende Maßnahmen zu ergreifen. Er wirkt überfordert. Er will unbedingt meinen Personalausweis sehen, obwohl ich mich längst mit dem Dienstausweis legitimiert habe. Ich glaube, er versteht überhaupt nicht, worum es hier geht. Der ältere Beamte hat derweil über Funk mit den Kollegen gesprochen. Er nimmt den Jungspund beiseite, sagt ihm etwas ins Ohr. Der ältere Beamte bedankt sich bei mir für meinen Einsatz. Er sagt, sie übernähmen jetzt hier. Er ließe es sich aber nicht nehmen, mich persönlich in die Klinik zu fahren. Auf der Fahrt erläutere ich den beiden nochmal meine bisherigen Erkenntnisse und wie die Ermittlungen im Wesentlichen jetzt weiter geführt werden müssen. Der Jüngere sagt gar nichts mehr, der Ältere scheint ihm einen ordentlichen Rüffel erteilt zu haben. Der Ältere hat wirklich sehr viel Ahnung für einen normalen Streifenbeamten. Er stimmt mit mir in allen Punkten überein.

Sonntag, 6. Dezember 2009

2. Advent

Die Fälle des Pathologen und Ermittlers Martin Graupner (2)

Die Weihnachtsmannmütze im Park


Die Weihnachtsmannmütze liegt in der Pfütze im Park, sie ist stark verschmutzt, ich kann noch nicht mit Sicherheit sagen, ob hier überhaupt ein Verbrechen vorliegt. Doch wenn es sich, wie ich vermute, bei dem blassrosa Fleck auf dem ehemals weißen Plüschbesatz um menschliches Blut handelt, kann eine Straftat nicht ausgeschlossen werden. Es ist dunkel, es regnet, es wird schwer sein, hier noch Spuren zu finden. Ich lasse das Licht der Stablampe wandern. Vielleicht ist da ein Stein, mit dem einer dem anderen den Schädel eingehauen hat, angenommen, sie kamen von einer Weihnachtsfeier, der Alkohol floss in Strömen, sie torkelten Arm in Arm durch den Park, teilten sich Schnaps aus der Flasche, dann ein unbedachtes Wort und die ganze Feiertagslaune war dahin. Einer wird wütend, nimmt einen Stein, schlägt zu. Das geht ja manchmal schneller als man denkt. Schädelfraktur, Gehirnblutung, Exitus. Ohne Leiche kein Fall sage ich immer, doch dass hier lässt mir keine Ruhe. Obwohl es genau genommen nicht in meiner Zuständigkeit liegt. Ich suche systematisch, doch in den Büschen nur das übliche: Leere Pillenpackungen, Hundekot und Kondome. Vielleicht schleppte sich das Opfer schwer verletzt von hier fort, und der Tod trat später ein, in einiger Entfernung vom Tatort. Jeder stirbt für sich allein, sagt man doch. Oder der andere schulterte die Leiche, dabei fiel die Mütze herab, er schleppte ihn schwankend an einen anderen Ort. Der hat wohl zu viel getankt, dachten die Passanten, Schnaps das war sein letztes Wort. Dann warf er ihn in einen See vielleicht. Oder in einen Müllcontainer. Nur in Krimis gibt es Motive, hat jeder Mord einen Sinn. Im wirklichen Leben reichen ein paar Promille und eine Beleidigung. Ich weiß nicht, wie lange ich diesen Beruf noch ausüben kann. Jeder neue Fall geht mir mehr an die Nieren, vor allem in letzter Zeit. Der Mensch ist des Menschen Wolf, so ist es doch. Ich muss das Beweisstück sichern, die Mütze muss ins Labor. Mit der Pinzette hebe ich die Mütze in die Plastiktüte und verschließe sie. Ich beschrifte das Etikett. Mehr kann ich im Moment für das Opfer nicht tun. Auch wenn er ein schlechter Mensch war, hat er post mortem ein Recht darauf, dass sein Mörder gefasst wird. So mache ich eben weiter. Weil hier sonst alles den Bach runter geht. Weil wir die Ordnung aufrechterhalten müssen. Das ist die Arbeit. Niemand sieht mich dabei. Die Regentropfen auf meiner Brille brechen das Licht der Laterne und vervielfachen es, das Wasser rinnt mir in den Kragen, es wird Zeit: In der Klinik erwartet man mich bereits.