Mittwoch, 30. September 2009

Die Souvlaki-Erfahrung

Jeder junge Mensch sollte die Erfahrung machen, in einem vollen Restaurant, bei dem Versuch, das Souvlaki vom Spieß zu bekommen, die gesamten Beilagen vom Teller zu fegen und über den Tisch zu verteilen. Man wächst daran. Als mir dies in den achtziger Jahren im Grill-Restaurant „Mykonos“ widerfuhr, half mir mein Glaube. Mein Glaube an die komplette Sinnlosigkeit allen Seins. Rot wurde ich trotzdem. Aber während ich mit Hilfe meines Freundes Jochen Heinsberg den größten Teil der Reisnudeln wieder auf den Teller spedierte, wechselte ich in Gedanken die Perspektive. Ich sah mich von außen, mein schiefes Lächeln, meine selbst geschnittenen Haare, dann ließ ich die Kamera hochfahren, erst durch die Decke des Restaurants, durch die Wolken, dann durch die Ozonschicht, und unser Planet, auf dem sich immer alle so wichtig nehmen, wurde kleiner und kleiner. Würde er zerstört, es würde niemanden interessieren. Urknall, Evolution, Menschheitsgeschichte, die Motorenpalette des neuen Opel Ascona, versaute Tischdecken: Staub im endlosen kalten Weltenraum. Der Kellner grinste freundlich und brachte uns neues Bier.

Ein paar Jahre vorher war ich mal für einige Zeit Christ gewesen. Ich betete jeden Abend, erzählte aber nur meinem Freund Jochen davon. Nach einer ernsthaften Innenschau stellte ich fest, dass ich doch nicht gläubig war, und hörte wieder damit auf. Das Problem war, dass es nun keine Antwort mehr auf die Frage nach dem Sinn des Lebens gab. Ich redete mit Jochen darüber, und er hatte ein ähnliches Problem. Wir zogen das Meyer'sche Lexikon zu Rate. Er fand heraus, dass er Agnostiker war. Ich war Nihilist.

Agnostiker, das war mal wieder typisch für Jochen. So jung und schon Pragmatiker. Irgendwie hatte der Junge keinen Pfeffer. Nihilist klingt doch erheblich radikaler, obwohl ich in Wirklichkeit nicht die Existenz sämtlicher moralischer Werte verneinte.

Jochen und ich begleiteten mit unserer Gitarrengruppe weiterhin Gottesdienste. Wir beteten aber nicht mehr mit. Manchmal tauschten wir beim „Vater unser“ verschwörerische Blicke aus. Ich erwischte mich bei dem Gedanken, dass Gott vermutlich nichts gegen Atheisten hat.

Es war eine fortschrittliche Gemeinde. Bei den Weihnachtsgottesdiensten spielten wir südamerikanische Weihnachtslieder, bei den Konfirmationen wurde jedes Mal ein Friedensnetz aus Wolle geknüpft, und wir spielten „Wir knüpfen aufeinander zu, wir knüpfen aneinander an, wir knüpfen miteinander, Schalom, ein Friedensnetz“. Meistens spielte der Flötenchor auch noch mit. Zehn Gitarren und fünfzehn Blockflöten gleichzeitig, alle gespielt von Amateuren, in einem Raum in dem es ordentlich hallt: das ist ein Sound, den man nie wieder vergisst.

Kurz bevor wir Atheisten geworden war, waren Jochen und ich mit unserer Gitarrengruppe auf dem evangelischen Kirchentag gewesen. Nachts schliefen wir in einer Turnhalle. Ich glaube, zwischen diesen ganzen Christen, freundlichen Jugendlichen in Klassenfahrtlaune, kreppsohligen älteren Gemeindeaktivisten, denen die protestantische Bescheidenheit heisere Stimmen und nervöse Ticks beschert hatte, und bärtigen Typen, die barfuß liefen, kamen Jochen und mir ernsthafte Zweifel an der Existenz Gottes. Außerdem fanden wir, man solle nur in Turnhallen schlafen, wenn man evakuiert wird.

Nun war Jochen als Agnostiker fein raus. Ich hatte hingegen weiterhin Schwierigkeiten mit der Verneinung aller Werte. Obwohl die Schlussfolgerung theoretisch überzeugend war, konnte ich im Supermarkt nicht mal eine Plastiktüte kaufen. Ich hatte immer eine Jute-Tasche dabei. In der Bahn stand ich für jeden Rentner auf. Ich machte keine Witze über Dicke. Und ich hatte keine Lust Nietzsche zu lesen. Ein feiner Nihilist war ich.

Als ich einige Zeit später zum Ordnungsamt ging, um aus der Kirche auszutreten, fragte mich die Sachbearbeiterin nach meiner Lohnsteuerkarte. Ich hatte sie nicht dabei. „Aber darum macht man das doch“, sagte sie. Ich hasste sie dafür. Ich hatte schließlich nicht jahrelang nachgedacht um Dreimarkfuffzig zu sparen. Egal. Zur Strafe würde sie auf ihrem Bürostuhl verfetten und nie über die Kategorien „Verbraucher“, „Anwohner“ und „Zuschauer“ hinauswachsen.

Ein großes Meinungsforschungsinstitut stellte unlängst dem repräsentativen Durchschnitt die Frage nach dem Sinn des Lebens. Die überwiegende Mehrheit der jüngeren Befragten antwortete, der Sinn sei Spaß und Freude zu haben. Der Spaß hat somit frühere Werte wie gesellschaftliche Mitverantwortung oder Religion abgehängt. Nichts gegen Spaß, von Zeit zu Zeit habe ich selber welchen. Aber ein wenig schockiert mich das Ergebnis doch. Open-Air-Festivals, Spieleabende und Spaßbäder sind die sinnstiftenden Institutionen unserer Zeit. Mein Gott, es wird Zeit endlich Nietzsche zu lesen.

Der Text ist in einer längeren Version in dem Buch: "Götter, Gurus und Gestörte" nachzulesen, das im November erscheint:

Freitag, 25. September 2009

Keep on nibblin’

Der Kollege S. war in die USA gereist und gestern war Dia-Abend. Ich war so neidisch auf ihn. Er war zuerst in New York gelandet, der coolsten Stadt der Welt, New York ist dermaßen cool, hier begrüßen sich die sogar Eichhörnchen im Central-Park mit High Five: „Hey, Sam the Squirrel, what’s up man?“ – „Lookin’ for some fat acorn, Dude!“ – „O yeah, rodent, keep on nibblin’“.
Am Off-Broadway spielt Johnny Depp jeden Donnerstag in „Tod eines Handlungsreisenden“. Mit Kirsten Dunst und Dustin Hoffmann unter der Regie von Jim Jarmush. Glaube ich. Kann auch „Endstation Sehnsucht“ gewesen sein. Mit Steven Segal und Calista Flockhart. Egal: Was hätte ich drum gegeben einmal in New York am Straßenrand zu stehen und auszurufen: „Die Menschen fliegen zum Mond, aber es ist unmöglich, in dieser Stadt um fünf Uhr nachmittags ein Taxi zu bekommen!“ Gerne hätte ich auch in einer Starbucksfiliale einen Kaffee getrunken, in der alle Mitarbeiter gewerkschaftlich organisiert sind. Gibt es hier ja auch nicht.

S. war nur kurz in New York, dann ging es weiter nach Detroit. Dort erschrecken die Drogensüchtigen am Busbahnhof die Touristen, damit die sich ein Taxi nehmen anstatt zu Fuß zu gehen. Dafür bekommen sie Geld von den Taxifahrern und je zombiemäßiger sie aussehen, desto mehr verdienen sie. Soweit unsere Theorie. Ansonsten sieht Detroit auf den Bildern aus, wie eine Mischung aus Frankfurt am Main und ostdeutscher Industriebrache. So ein Ort, an dem man sich fragt, wie irgendjemand den Kapitalismus für das überlegene System halten kann.

Und dann: Chicago. Als junger Mensch wollte ich ja arbeitsloser Afroamerikaner in Chicago werden und dort den Blues spielen. Kurze Zeit später hatte ich es geschafft. Ich war arbeitslos. Und spielte Blues. Nur eben nicht in Chicago. 50% des Plans erfüllt. Schafft auch nicht jeder im Leben.
Ich stellte mir Chicago so ähnlich vor, wie die frühe Sesamstraße, die amerikanische, also die Sesamstraße bevor Samson, Tiffy und Lilo eine Spießergegend draus gemacht haben. Ich hätte gerne mal auf so einer Treppe gesessen, wie man sie da vor den Häusern hat, und auf der Gitarre rumgeklimpert. Und dann wäre irgendein ein Bob oder ein Blind Jefferson vorbeigekommen und wir hätten zusammen gespielt. So hatte ich mir das vorgestellt.
Und jetzt sitze ich hier in Köln, klimpere ein bisschen, und im Park hinter unserem Haus treffen sich zwei Eichhörnchen: „Hey, Jupp das Eichhörnchen, was geht Alter?“ – „Fette Eicheln suchen, Digger!“ – „Jo cool, Nagetier, immer schön am Kacken halten!"