Donnerstag, 20. August 2009

Freunde des Münzfernglases - Das Buch


32 Texte für nur fünf Euro. Including the Hits "Werken mit Herrn Mosch" und "Depotspritze Identität". Die bei "Edition Haldemann" erschienene literarische Broschüre wurde vom Autor handgetackert! 43 Seiten, Din A 5, durchgängig schwarz-weiß. Umschlag aus hochwertigem 180-Gramm-Papier. Jetzt bestellen über info(at)christiangottschalk.de.


Dr. Doolittles dunkle Seite



von 18metzger und mir

Sonntag, 16. August 2009

Denkmal für meine Tanten

Meine Tanten und meine Omma väterlicherseits, waren, so dachte ich zumindest lange, Vertreterinnen eines speziellen Schlages von Verwandten, wie sie heute nicht mehr hergestellt werden. Auf einer Italienreise mit Christine vor einem Jahr wurde ich eines besseren belehrt, als am Nebentisch des Eiscafés drei übergewichtige Damen und ein dünner Mann im weißen Freizeithemd halber Arm Platz nahmen. Der Mann bestellte einen Kaffee obwohl zwei der Tanten ihn belehrten, hier in Italien müsse er unbedingt mal Expresso probieren, dat wäre italienische Lebensart. „Endeck ma’ den Italiener in Dir, Heinz,“ sagte die eine und alle brachen in schallendes Gelächter aus. Die dritte Tante aber warf ein, der Heinz würde davon nur Herzklabastern kriegen, worauf die anderen meinten, nee dann lieber nicht, sie bräuchten ihn ja noch, schon weil sie ja alle gar keinen Führerschein hätten, da würden sie ja gar nicht zurück nach Schwerte kommen und wieder lachten alle laut und ausgiebig. Schon da hatte ich sie ins Herz geschlossen. Der Kellner stand während dessen dabei und versuchte charmant zu wirken. War aber in Wirklichkeit arrogant. Die Damen bestellten aus der Eiskarte die größten Eisbecher und eine Tante sagte, sie müsse eigentlich schon seit Milano aber auf der Raststätte hätte sie nicht gewollt, das hätte da so schäbbig ausgesehen alles, ob jemand wüsste, wo hier das Tö wäre. Wusste keiner. Heinz fingerte sich mit einer Hand routiniert eine „Lord Extra“ aus der Packung und zündete sie an. Die Tante navigierte ihre imposante Erscheinung zwischen den Tischchen hindurch ins Eiscafé hinein. Die anderen Tanten fragten Heinz wie es dem Dieter ginge, der sagte „Besser“ und die Tanten waren sich einig, dass der Dieter ein ganz treuer wäre, und wenn der jetzt seine 80 Prozent Schwerbehinderung kriegte, und die kriegte er bei den ganzen Krankheiten sicher, dann hätte auch die Plackerei endlich ein Ende und er könnte das Leben noch ein bisschen genießen.

Nach einiger Zeit tauchte die andere Tante wieder im Türrahmen auf, und jetzt kam der Moment mit dem allen Tanten des guten alten Schlages ein Denkmal gesetzt wurde. Über alle Tische der Außengastronomie hinweg rief eine der sitzenden Tanten: „Und Uschi, wie sind die Klos?“ Ich war kurz davor alle drei zu umarmen und ein bisschen zu buckern, wie es bei Gottschalks immer hieß, wenn man sich in den Arm nahm und sich leicht mit den Händen auf den Rücken haute. Buckern. Und Uschi rief zurück: „Die sind O.K., so normale zum sitzen und sehr sauber.“ Erschöpft aber glücklich bahnte sie sich den Weg zu den anderen. Sie holte eine Packung WC-Brillen-Folien aus der Handtasche und fragte: „Noch jemand?“ Die anderen, das wusste ich, wollten gerade damit beginnen zu erzählen, wann sie das letzte Mal waren, wie die Bedingungen sich gestaltet hatten und was sie in naher Zukunft diesbezüglich planten, als die Eisbecher kamen.

Ein Raunen ging durch die Runde. „Dat sind aber echt Kaventsmänner, wenn ich das gewusst hätte...“ „Komm hau rein, wir sind auf Urlaub“.

Ein deutsches Lehrerehepaar war peinlich berührt, schaute nach Verbündeten suchend gequält lächelnd zu uns rüber und bestellte leise: „Due Espressi, per favore“.

Es gibt Momente im Leben, da muss man Position beziehen. Ich atmete tief durch, fasste mir ein Herz und wedelte dann mit meinem ausgeleierten Portemonnaie Richtung Kellner und rief: „Chef, Ragazzi, machste mir noch zwei schöne Pils und die Rechnung. Aber nicht wieder das Datum dazu rechnen, alter Mafiosi!“

Vielleicht hätte ich Christine vorher in meine Pläne einweihen sollen. Ihr Blick verhieß nichts Gutes. Aus ungläubigem Staunen war erst Entsetzen und dann Wut geworden. „Ich kann alles erklären,“ flüsterte ich ihr zu. Der Kellner stellte dem Lehrerehepaar die kleinen Tassen auf den Tisch und sagte: „Prego, zwei Espresso, die Herrschaften.“ Dann brachte er uns das Bier und eine Untertasse mit der Rechnung. Schweigend. Beim Bier erklärte ich Christine alles. Ich ließ fünf Euro Trinkgeld liegen. Die Tanten hatten offenbar von alledem nichts bemerkt. Als wir gingen sagte eine gerade: „Ach, ich glaube, ich geh’ doch Mal!“