Samstag, 11. April 2009

Ostern

Zwar ist Ostern laut www.erzbistum-koeln.de das höchste Fest der Christenheit, der Einzelhandel ist da aber ganz anderer Meinung. Hier gingen die Umsätze vor Ostern sogar zurück. Kaum jemand findet beim Eier suchen eine Espressomaschine oder einen Flachbildfernseher hinter dem Goldregen im Garten. Für große Teile der Christenheit hierzulande ist womöglich “Sommerreifen aufziehen“ oder „Angrillen“ das größere Ereignis im Frühjahr, auch wenn es manchmal auf den gleichen Tag fällt.

Dabei, aus der Sicht des Christen betrachtet, ist Ostern schon sensationeller als Weihnachten, weil geboren werden schafft ja jeder, Auferstehen eher nicht.

Bei Sat1 hat man sich entschieden, Karfreitag jetzt jedes Jahr „Passion Christi“ von Mel Gibson zu zeigen, einen Film der das Genre des Jesusfilms um eine Variante erweitert hat: Nach Monumentalfilm, Sandalenabenteuer, Historienepos und Bibel-TV-Movie erobert der Heiland-Splatter-Film den österlichen Bildschirm. Mein Bruder, ein Splatterfan von Kindesbeinen an, also hart gesotten im Betrachten umher fliegender Extremitäten und gigantischer Blutfontänen, hat „Passion Christi“ nicht zu Ende geguckt. Er ist ihm zu brutal. Deshalb habe ich lieber Spartacus geschaut, weil ich Angst hatte, mir kommen bei „Passion Christi“ die Nougateier wieder hoch. Und die Krokanteier noch dazu.

Spartacus, laut Marx der erste wahre Proletarier, scheint mir eh der bessere Held zu sein: Er befreite nicht nur jede Menge Sklaven und verbot seinem Heer das Plündern, er sah auch besser aus als Jesus, nämlich wie Kirk Douglas. Sein Gegenspieler hieß, als wäre er ein HipHop-Römer aus dem Asterix-Heft: Crassus. Peter Ustinov spielt auch mit, was mich sehr verwirrte, weil ich die ganze Zeit darauf gewartet habe, dass er Rom anzündet.

Für mich selber ist morgen Abend Ostern schon wieder vorbei, weil ich wieder als Nachtportier arbeiten muss, es sei denn es kommt ein Prekarier-Heer vorbei und befreit mich. Wobei: Wie ich mich kenne, würde ich das Heer bitten, bis Schichtende in der Lobby Platz zu nehmen, weil ich viel zu gewissenhaft bin, um einfach so meinen Arbeitsplatz zu verlassen. Aber Spartacus war schließlich auch Gladiator und nicht Nachtportier. Klar kann man als Gladiator sagen: Kollegen, ich bin durch die Tür, das mit den Löwen kriegt ihr auch ohne mich hin und zur Not schlagt Euch selber den Schädel ein. Ich habe da ja eine ganz andere Verantwortung. Tür auf machen zum Beispiel. Als Held der Arbeiterklasse bin ich wohl eher eine Niete

Doch eine moderne Ostertradition verbindet alle Klassen: Die Unterklasse, die Oberklasse, die Mittelklasse und auch die Kompaktklasse. Familien rücken eng zusammen, halten inne, lassen die Jagd nach irdischen Gütern ruhen. Verharren in Stillstand und Demut. Und sehet da, es werden Engel erscheinen und es werden gelbe Engel sein und sie werden verkünden: „Der Stau vor Ihnen ist 80 Kilometer lang, möchten Sie einen Tee?“ Und wenn Du nach 28 Stunden Fahrzeit in Südtirol angekommen bist, magst Du den Fernseher einschalten und siehe: Endlich berichten sie mal über Dich. Und Du warst Teil von etwas ganz Großem. Naja, zumindest von etwas sehr Langem. Dem jährlichen Osterstau.