Samstag, 30. Januar 2016

Ich in WDR-Print (6)





CHRISTIAN GOTTSCHALK
HAUCHE ZÄRTLICH „HORST“
Helga Beimer oder Räuber Hotzenplotz – wenn ein Autor eine Geschichte er ndet, muss er seinen Figuren Namen geben. Horst Schimanski beispielsweise. Ein guter Name: Horst verweist auf bodenständige Eltern, Schimanski auf die polnischen Wurzeln, ergibt zusammen 100 Prozent Ruhrgebiet. Dass der Münsteraner Pathologe Börne Karl-Friedrich mit Vornamen heißt, passt auch gut: ein Angebername für Großkopferte, man hätte Karl noch mit C schreiben können, um es auf die Spitze zu treiben. Funfact: Während Karl zu jenen altmodischen Männernamen gehört, die heute wieder schick und auf allen Kinderspielplätzen der gentrifizierten Welt zu hören sind, nennt niemand mehr sein Kind Horst. Wenn ich mich recht erinnere, hat allerdings auch niemals eine seiner festen Freundinnen Schimmi „Horst“ genannt, sondern stets „Schimanski“. Denn erstens ist es sehr schwer, zärtlich „Horst“ zu hauchen – versuchen Sie es mal zum Spaß, ohne zu lachen – und zweitens gibt es Männer, die brauchen keine Vornamen: Gerichtsmediziner Quincy beispielsweise, »Tatort«-Kommissar Bienzle, „Der Fahnder“ Faber, alles Typen, die mit dem Nachnamen angeredet werden, auch von ihren Frauen und Duz-Freunden. Als ich noch zur Schule ging, war das unter uns Jungs gang und gäbe. Wir fanden das lässig.
Ärgerlich wird es, wenn Autoren ihren Figuren Namen geben, die einzig und allein dazu dienen, der Serie einen beknackten Wortspiel-Titel verpassen zu können. Leider ist mir vor allem Das Erste da in letzter Zeit unangenehm aufgefallen: Katharina Reiff heißt die Haupt gur in »Reiff für die Insel«, in »Heiter bis tödlich – Fuchs und Gans« sind die Journalistin Emily Gans und der Kommissar
i. R. Urban Fuchs die Protagonisten, Staatsanwältin Saskia Henker ermittelt in »Henker & Richter«. Hier fehlt nur noch ein zwielichtiger Informant, ein dünner Mann Namens Matthias. Dann würde Henker immer Tipps bekommen vom „dürren Matt“. Wenn schon, denn schon. Und wie wäre es mit einem Schmunzelkrimi um eine ermittelnde Großfamilie mit dem Namen „Entchen“? Ich habe da auch eine lustige Titel-Idee. Alles Klara? Gibt es übrigens schon. 2016 wird die Sekretärin Klara Degen weitere Fälle lösen.
O.K., in Wirklichkeit hat wohl »Crossing Jordan« damit angefangen, die Serie um die Pathologin Jordan Cavanaugh. Dieses Wortspiel ist wenigstens gut, funktioniert aber nicht im Deutschen, weil „Über den Jordan“ nicht doppeldeutig ist. Wobei: Würde man die deutsche Fassung „Über die Wupper“ nennen, klappte es wieder, vorausgesetzt die Frau hieße in der Synchron-Fassung „Wupper Cavanaugh“.
Ich finde, Autoren, die Namen zum Zwecke des Wortspiels auswählen, sollten dazu verurteilt werden, zehn Jahre lang die Namen aller ihrer Figuren blind aus dem Telefonbuch zu schen. Dann heißt der gefährliche Serienkiller eben Didi Hübchen und die Femme fatale Mechthild Schlegelmann-Höpke.


Erstabdruck: WDR Print (http://print.wdr.de/2016-02/)

Freitag, 8. Januar 2016

Ich in WDR Print (5)



CHRISTIAN GOTTSCHALK


Jetzt purzeln die Feiertagspfunde! Das wollte ich schon immer mal schreiben. Auch wenn ich keine Ahnung habe, wo die hinpurzeln. Lösen sie sich als kleine Fettkügelchen aus der Bauchdecke? Was ich eigentlich sagen wollte: Jetzt ist die Zeit der guten Vorsätze. Und der Sendungen und Artikel über gute Vorsätze und wie man sie einhält und natürlich die Zeit der Glossen über Artikel und Sendungen über gute Vorsätze und wie man sie einhält.

Alle Medien machen mit: geben Tipps, wie man mit dem Rauchen aufhört, mehr Sport treibt, sich gesünder ernährt, abnimmt, weniger Fernsehen guckt. Was man sich halt so vornimmt. Das sind übrigens tatsächlich die Klassiker, die stets in den Statistiken auf den vorderen Plätzen der guten Vorsätze herumlungern. Bildlich gesprochen werden im Januar an den Raststätten des Lebens die inneren Schweinehunde ausgesetzt. Mir läuft ja gelegentlich einer zu, und weil ich ein guter Mensch bin, behalte ich ihn dann auch.

Der WDR steht der Bevölkerung des Bundeslandes natürlich hilfreich zur Seite: 
Die »Servicezeit« sendet eine ganze Themenwoche rund ums Abnehmen. Denn bis Juni soll ja die Bikinifigur erreicht sein. Womit nicht gemeint ist, dass auch bei Männern das Oberteil einen sicheren Halt findet. Und WDR 3 hilft Ihnen ab Januar dabei weniger fernzusehen. Dort läuft dann jeden Tag um 19 Uhr ein Hörspiel. Die Ausrede: Ich liebe Hörspiele im Radio, ich vergesse aber immer, wann sie laufen, gilt dann nicht mehr. Erst danach dürfen Sie dann den Fernseher anmachen. Wenn Sie nicht auch unter dieser frühkindlichen Konditionierung leiden und bei Hörspielen immer direkt einschlafen.

Merkwürdig finde ich, dass Fernsehen gucken offenbar einen ähnlich schlechten Ruf hat wie das Rauchen oder Übergewicht. Außer zur »Tagesschau« und weil man »ab und zu einen guten
Spielfilm« schauen will, gilt der Aufenthalt vor dem TV-Gerät immer noch als Zeitverschwendung. Als banales Vergnügen für eine Feinripp-Unterhemden tragende Dosenbier-Unterschicht, die so nur noch in der Fantasie von Comedy-Autoren und Arte-Zuschauern existiert. Mit einer sonderbaren Ausnahme: Zieht man sich an einem Abend die komplette Staffel einer gerade angesagten HBO-Serie rein, gilt es wieder als Kultur, und es gibt ein englisches Wort dafür: Binge Watching. Rauchen und Essen lassen sich durch diese Methode leider nicht in ein gesellschaftlich anerkanntes Hobby verwandeln. Saufen dagegen schon. Das nennt sich dann „Whiskey-Tasting“. Eine Veranstaltung, bei der sich feine Lebensart und ein amtlicher Vollrausch freundlich die Hand reichen. Nach der Verkostung diverser Spirituosen aus den kleinsten Destillerien Irlands, bei der man zunächst noch fachmännisch die „feine
Torfnote“ gelobt hatte, sollen schon gelegentlich die Feiertagspfunde gepurzelt sein. Allerdings die Treppe runter und am Stück.


Erstabdruck in WDR Print http://print.wdr.de/2016-01/

Donnerstag, 3. Dezember 2015

Ich in WDR Print (4)


TÄGLICH GRÜSST DAS

ASCHENBRÖDEL

 Illustration: von Zubinski

Silvestertradition. Alfred Tetzlaff wird wie jedes Jahr poltern: „Wenn einer zu faul ist oder zu dumm, einen richtigen Beruf zu ergreifen, dann wird er Journalist.“ Und ich werde mich wieder irgendwie ertappt fühlen. Obwohl er sich unter Einfluss von reichlich „Silvesterpunsch“ über Willy Brandt echauffiert. Und wer sagt dies: „Die Wangen sind mit Asche beschmutzt, aber der Schornsteinfeger ist es nicht“? Richtig, das Aschenbrödel, und zwar das mit den Haselnüssen. Weihnachtstradition.

Fünfzehn mal strahlen die Öffentlich-Rechtlichen zum Jahresende „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ aus – und alle freuen sich drauf. Genau wie auf „Dinner for One“. Ein Jahreswechsel ohne Butler James und Miss Sophie? Undenkbar. Im Sommer grollt der gemeine Fernsehzuschauer gerne, weil von seinen Gebühren (ja ja, es heißt jetzt Rundfunkbeitrag, aber das sagt ja niemand) während der Ferienzeit so viele Wiederholungen gesendet werden. Sommersonntage enden mit gebrauchten Tatorten, ansonsten laufen historische Sitcom-Folgen und TV-Movies, in denen Christine Neubauer noch pummelig ist. Als wolle das Fernsehen uns dazu bewegen, dass wir mehr an die frische Luft gehen und nicht zu Hause auf dem Sofa rumhängen. Bei dem schönen Wetter.

Im Sommer nerven die Wiederholungen, aber im Winter braucht der Mensch Rituale. Während dieser düsteren Dezemberwochen, zu Weihnachten und „zwischen den Jahren“. An diesen Tagen, an denen die Zeit den Aggregatzustand „zähflüssig“ anzunehmen scheint, zwischen Verwandtenbesuch und Verdauung, kerzenlichtilluminierter Besinnlichkeit und Zuckerschock indiziertem Familienkrach, da will sich der Mensch am Gewohnten wärmen, bis nach der Euphorie der Silvesternacht das frische Jahr einen Neubeginn verheißt.

Das alljährliche Genöle über „Last Christmas“ im Radio gehört ebenso zur Tradition wie die Glühwein-Qualitätstests in den Boulevardmagazinen. Ich persönlich finde „Jingle Bella“ wesentlich enervierender als George Michaels klingende Gelddruckmaschine, und Glühwein ist sowieso Unsinn, denn alkoholische Getränke, die nicht brennen, muss man kalt trinken.

Mike Litt moderiert am Heiligen Abend wie immer als „einsamster DJ der Welt“ auf 1LIVE. Wer den harten Stoff will, der höre „Gruß an Bord“ auf NDR 90,03. In dieser Sendung grüßen seit 60 Jahren Mütter und Ehefrauen ihre Lieben, die sich als Seeleute auf den sieben Weltmeeren herumtreiben. Wer nach der dritten Botschaft zu den Klängen von „Ich heff mol en Hamborger Veermaster sehn“ nicht wenigstens eine Träne im Augenwinkel hat, besitzt ein Herz aus Eis. Ach, „Die Schneekönigin“ könnten se auch mal wieder zeigen.

So, ich muss jetzt Blockflöte üben, weil ich seit 47 Jahren unterm Weihnachtsbaum „O du fröhliche“ flöte. Es ist wie bei vielen Weihnachtstraditionen: nicht schön, muss aber sein. Wäre sonst irgendwie nicht Weihnachten.

Erstabdruck in WDR Print. http://print.wdr.de/2015-12/#36