Montag, 20. April 2015

Ortsgespräche mit Scholz: Ornithologie


Ob ich denn gestern Maischberger gesehen hätte, fragte Scholz am Telefon, mit diesem AFD-Spacken, sehr spannend, sogar die Schwarzer sei erträglich gewesen, und ob er denn nicht Kloppos Ende schon vor Wochen vorausgesehen hätte? Ich war nicht in Laune. Also eigentlich schon, aber in schlechter. Irgendetwas, so ich, irgendetwas passiere immer: Flugzeuge stürzten ab, Kinder erschössen sich gegenseitig, der Papst sage was, die CSU sage was, ein Schriftsteller stürbe, irgendetwas mit Ukraine und sofort hätten alle Meinungen, vor allem auf Facebook, in Windeseile haben die alle Meinungen und ich käme da nicht immer so mit.


Außerdem hätte ich ganz andere, also eigene Probleme, da wäre ja der NRW-Slam in zwei Wochen und ich möchte da einen neuen Text haben, einen der die Vorrunde übersteht, auch wenn ich meinen eigenen Ehrgeiz selbst nicht wirklich gut fände, bei so 'nem Kindergeburtstag wie Slam, aber was solle man machen. Also, hub Scholz an, aber ich unterbrach ihn. Ich war in Fahrt. Dass ich gerne mal ein Lied schreiben würde, sagte ich ihm, das auch im Radio liefe, meine Hose säße irgendwie schlecht, das zerre an meinen Nerven, und ein Comedian, der schon bei seinem ersten Auftritt bei meiner Open-Mike-Show im Low Budget nicht lustig gewesen sei, wäre jetzt andauernd im Fernsehen und mache immer noch die gleichen geklauten Witze, das mache mich sauer, dass dieser unbegabte Dummkopf Geld verdiene und ich nicht, und dann ärgere ich mich aber auch darüber, dass ich mich darüber ärgere, und dann dächte ich, wahrscheinlich sei ich einfach zu blöd.


Und gestern beim Poetry-Slam habe schon wieder irgend so ein 20jähriger mit einem blöden YOLO-Text gewonnen, ob er , Scholz wisse, was YOLO hieße: YOLO, You only live once, man lebt nur einmal. Ja, Gott sei Dank, das reiche doch auch völlig, da müsse er Scholz mir doch zustimmen, er sei doch auch nicht mehr der Jüngste, und der junge „Poet“ würde sicherlich auch noch auf den Trichter kommen: Zweimal Leben, das würde doch kein Mensch aushalten. Spätestens beim fünften 80er-Revival müsse sich doch selbst der stumpfeste Dödel irgendwann eine Kugel in den Kopf jagen.


Wann das wohl endlich aufhöre, fragte ich Scholz, dieser blöde Ehrgeiz, dieses immer etwas zu wollen, ich sehnte mich innerlich irgendwie nach dem Tag, an dem es mir genüge, ein schönes Hobby zu haben. Die Ornithologie böte sich an, fantasierte ich drauflos: Das Tschirp Tschirp der gemeinen Heckenstelze zu erkennen, das Tirili des Rotkehlchens und das quäckquäckquäck des Haubentauchers vor der Balz. Mit Fernglas und Tropenhelm streunte ich durch den Stadtwald, ganz bei mir, entspannter als ein Yogalehrer nach dem Cannabiskonsum, ein sonderbarer Herr mit einem verzückten Lächeln, ob er, Scholz sich das vorstellen könne. Und da man ja auch immer Geld brauche, könnten wir zwei beiden einen Minigolfplatz aufmachen, ich führe den Sitzrasenmäher, er fege die Bahnen und grille die Würstchen am Abend des ruhigen und doch erfüllten Tages. Und nur einen Ehrgeiz würden wir noch kennen: Das wiederholbare As an Bahn 11. Wir läsen keine Zeitung mehr, nur noch „So zärtlich war Suleiken“ oder Barbara Noack und Fachliteratur über Blumen oder Physik.


Abends am Grill sängen wir Beatles-Lieder, wir trügen schöne Strickjacken und ganz selten schrieben wir mal ein kleines Gedicht, nur so, um es auf kleine Handtücher zu sticken an langen Winterabenden am Kamin. „Solang' das Vöglein Lieder singt, das Löwenmäulchen winkt im Wind, die Pappel will sich zum Himmel strecken, solang könnt ihr mich alle lecken.“ Naja. So ähnlich.


Dies sei, sagte Scholz in ungewohnter Hellsichtigkeit, schlimmstes Biedermeier und nicht zu akzeptieren. Ich täte ihn oft einen unpolitischen Hippie schimpfen und sehnte mich wohl im Geheimen, ja jetzt sogar ganz offen nach Rückzug und gemütlichen Schurwolleartikeln. Ich gab ihm Recht, soviel Größe hatte ich übrig, und schrieb dann diesen Text. Die Vogelwelt muss warten.

Donnerstag, 22. Januar 2015

Brokkoli und Helene Fischer

Neulich kursierte auf Facebook eine Linkliste, mit der ich überprüfen konnte, wer von meinen Facebookfreunden bestimmte Seiten geliked hat. Diese Information sollte mich in die Lage versetzen, Menschen die elektrische Freundschaft zu kündigen, wenn sie die falschen Sachen gut finden. Auf der Liste standen die AfD , Pegida, die NPD, die Böhsen Onkels, Freiwild, Nickelback und Helene Fischer. Ich reagierte sofort und likte erstmal Helene Fischer. Denn wer mich von seiner Freundesliste löscht, nur weil ich Helene Fischer mag, der ist ein Nazi.

Man kann die Sängerin doch nicht in einem Atemzug nennen mit der AfD, Pegida und der NPD. Das ist ein schwerer politischer Fehler. Ich bin da sonst nicht zimperlich, ich bezeichne auch gerne den „Volks-Rock'n'Roller“ Andreas Gabalier oder Heino als Nazis. Aber Helene Fischer doch nicht. Und Nickelback, mein Gott, ich würde Leute ja auch nicht entfreunden, weil sie hässliche Möbel haben. Und Nickelback machen eindeutig Musik für Leute mit sehr hässlichen Möbeln.

Das ist als würde man Leute dafür bestrafen, dass sie Brokkoli mögen. Viele Comedians machen derzeit abfällige Scherze über Brokkoli. Woher kommt eigentlich plötzlich dieses Brokkoli-Bashing. Das ist doch ein völlig inordnunges Gemüse. Aber auf einmal hassen alle Brokkoli und Helene Fischer. Warum?

In den letzten Tagen wurde viel über Toleranz geredet. Da kann man doch keine stalinistische Säuberung seiner Freundesliste wegen des Musik-Geschmacks vornehmen. Wenn Leute die AfD, Pegida oder die NPD gut finden ist das was anderes. Nazis raus. Die Frage war allerdings schon immer: Nazis raus, aber wohin? Endlich wissen wir es: Nazis raus aus meiner Freundesliste. Das macht sie traurig. Sehr traurig.

Vielleicht reichte es ja für's erste, wenn sie einfach wieder zu Hause blieben und gemütlich vor dem Fernseher Ausländer hassen, anstatt uns hier in den Innenstädten auf die Nerven zu gehen. Bei dem Wetter. Nazis rein, sozusagen. Da können sie schön die – sagen wir mal „umstrittenen“ – ersten beiden Strophen des Deutschlandliedes in der inbrünstigen Heino-Fassung hören oder die abendländische Folklore von diesem Gabalier-Fascho. Zitat: “Des is dahoam, des is dahoam, ja do nur do bin i dahoam“. Nazis lieben Österreicher. Das lehrt uns die Geschichte. Die Texte von dem feschen Burschen beinhalten jendfalls nichts, was im Weltbild des gemeinen Nazis irgendwie stören könnte: „O jo des Steiralond des is mei Heimatlond / Und drum trog i ah mit so fü Stuiz mei Steiragwond / Jo wia san froh das ma so fesche Dirndaln hom / Und ah Freindschoft hoit bei uns a Leben long.“ Heimat, Stolz und fesche Dirndl. Wieso war der eigentlich nicht auf dieser Linkliste.

Oder fanden Sie diesen Gabalier bislang irgendwie sympathisch? Weil er so süß war in der Weihnachtssendung mit Sarah Connor und dieser arroganten Tante von den Guano Apes und diesem anderen rechtsradikalen, Xavier Naidoo. Macht nix. Jeder liegt mal falsch. Oder um es mit Helene Fischer zu sagen: „Keiner ist fehlerfrei! Was ist denn schon dabei? Spinner und Spieler, Träumer und Fühler hat diese Welt doch nie genug. Keiner ist fehlerfrei! Sei‘s doch wie es sei. Lasst uns versprechen, auf Biegen und Brechen, wir feiern die Schwächen! Wer ist schon fehlerfrei?“ Der Texter dieser sympathischen Zeilen, Tobias Reitz, ist natürlich einer meiner Facebookfreunde.